Wofür et jot es

betr.: Schließung des Volkstheater Millowitsch mit den letzten beiden Vorstellungen des Stückes „Wer weiß, wofür et jot es“

Peter Millowitsch erzählt gern von seinem ersten Besuch im „Volkstheater Millowitsch“ an der Aachener Straße in Köln. Er war vier Jahre alt, sah, wie das Publikum johlte und ärgerte sich über diese unverschämten Leute, die seinen Vater auslachten. Darin lässt sich – ohne allzuböse Absicht – der prophetische Hinweis erblicken, dass sich hier das Komödiantenblut nicht restlos vererbt haben könnte, obwohl Peter schon vier Jahre später selbst auf dieser Bühne stand.

Willy Millowitsch war in der jungen Bonner Republik von einer Beliebtheit, die sich heute kein vernünftiger Mensch mehr ausmalen kann. Die Übertragung einer Volkstheater-Aufführung im Fernsehen war ein Ereignis, das Millionen verfolgten, ein „Straßenfeger“. Während Heidi Kabel, die gleichzeitig operierende Protagonistin des Hamburger „Ohnsorg-Theaters“, eine Art familiärer Hingerissenheit auslöste, mischte sich beim Auftauchen ihres barocken Kölner Gegenstücks Willy Millowitsch ein majestätischer Respekt dazu, eine Autorität. Kürzlich erzählte ein lokaler Historiker aus zweiter Hand, der Willy habe sich am Postschalter wohl gern vorgedrängelt. Eine damalige Kollegin aus dem Ensemble hat es etwas anders in Erinnerung: Willy habe niemals warten oder drängeln müssen. Die Menge teilte sich ganz von selbst, um in dankbarer Ehrfurcht Platz zu machen.
Einen Zipfel dieses Phänomens habe ich noch zu fassen bekommen. Obwohl mich Schwänke in voller Länge im Fernsehen als Kind eher gelangweilt haben, erinnere ich mich noch gut der kitzligen Begeisterung, die mich befiel, als Willy Millowitsch in Ilja Richters „Disco“ als Sketchpartner auftrat. Ähnlich war es, wenn er sich bei Rudi Carrell oder im „Großen Preis“ blicken ließ. Zu diesem Zeitpunkt stand der große Komödiant schon im Herbst seiner Strahlkraft, doch seine Aura wuchs und reifte.

Bereits seit 1940 hatte Willy Millowitsch als Intendant und Hauptdarsteller das traditionsreiche Haus (seit 1792, bis 1894 als Puppentheater) im Griff. Der Stammhalter einer solchen Legende zu sein, hat großes Frustrationspotenzial. Peter Millowitsch ist das einzige männliche von vier Kindern und seinem Vater optisch nicht unähnlich. Dieser Vater soll früh geahnt haben, dass sich Peter als Nachfolger nicht eben empfahl. Auch dessen gemeinsame Auftritte mit Schwester Mariele als Liebespaar begeisterten nicht alle. Es ist überliefert, dass Elsa Scholten ihren Bühnenpartner Willy immer wieder tröstete, wenn er Peters Ambitionen in Frage stellte: „Lass den Jungen in Ruhe! Du hast doch dat Mariele. Die wirdet schon machen!“ Das kam in so konservativen Zeiten natürlich nicht in die Tüte: der Sohn war für diese Aufgabe vorgesehen.
Mariele floh ohnehin bald in eine Tierarztausbildung – vor dem engen Rollenspektrum, das der Boulevard für junge Schauspielerinnen bereithält, sicherlich auch vor muffigen Dialogen wie „Papa, verzeih mir! Ich war so schlecht aus Liebe zu ihm“, an denen keine Silbe geändert werden durfte. Sie machte vor der Kamera Karriere und hielt sich von der Bühne fern.

In Geschäftsdingen war Willy Millowitsch ein Ehrenmann, der sich im seit jeher tückischen Tourneebetrieb stets vor seine Truppe stellte – etwa, wenn die Gage nicht wie vereinbart zu fließen drohte. Er umsorgte die Seinen mit fairen Konditionen (100 Franken pro Tag, während man anderswo mit Glück einen Tausender im Quartal bekam) und führte ein berühmt-berüchtigtes Adressbuch, das es ihm ermöglichte, jeden Schauspieler zu Geburts- und sonstigen Ehrentagen persönlich anzurufen oder wenigstens eine Karte zu schicken. Er rief auch an und lobte „seine“ Darsteller, wenn sie irgendwo Erfolge feierten oder im Fernsehen geglänzt hatten.
Verwandte kannte Willy Millowitsch hingegen nicht. Erst denkbar spät soll er nach einem VHS-Binge-Watching der Serie „Nikola“ seiner Tochter Mariele einen Hochdaumen erteilt haben. Die frühen Jahre seines Sohnes Peter als Schauspieler waren gesäumt von Zeitungsinterviews und Schlagzeilen, in denen der Alte über den Mangel an Neigung und Talent in der eigenen Familie klagte. Einmal hat Peter in der Provinz Theater gespielt. Das Publikum sah am Premierenabend nur auf den großen Willy, der sich auf der anderen Seite der Rampe unter den Zuschauern befand.

1996, drei Jahre vor dem Tod seines Vaters, übernahm Peter Millowitsch die volle Verantwortung für ein Theater, dessen Name allein ohne seinen alten Star nicht mehr zog und das überdies vom Wandel der Medienlandschaft gerupft wurde. Schwänke auf dem Bildschirm lockten keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor, und das Fernsehen, das am 27. Oktober 1953 mit der Millowitsch-Militärklamotte „Der Etappenhase“ erstmalig eine Theateraufführung live ausgestrahlt hatte, beendete die alte Gepflogenheit nach 63 Jahren.

Nach der heutigen Vorstellung von „Wer weiß, wofür et jot is“ zieht der kinderlose Peter Millowitsch die Konsequenzen, und eine weitere historische Stätte der Leichten Muse löst sich innerhalb weniger Tage auf.* Er wusste schon vor 40 Jahren, dass er es sein werde, der hier einmal das Licht ausmacht, hat er immer wieder gesagt. Er wird weiter Theater spielen.

Nachtrag: Unterdessen erzählte Peter Millowitsch im „Kölner Treff“, wie er mit der Lebenssituation ohne eigenes Theater zurechtkommt: „Das ist ein sehr gutes Gefühl. (…) Ich fühle mich so entlastet. Ich muss mich nicht mehr darum kümmern, ob’s Klopapier da ist, ob in der Damentoilette Licht brennt oder ob irgendwas verstopft ist.“
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/02/26/berliner-stadtmusikanten/

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