Tipps für faule Autoren (11): Biblischer Slogan und höhere Ordnung

betr.: 90. Geburtstag von Hansrudi Wäscher / „Gesetz des Dschungels“ und dann 

Der Kolportageroman (siehe Kapitel 2) ist ein Paradies für freizeitbewusste Schreiber, da seine Leserschaft sich zwar über die Andeutung von Seriosität freut („Nach einer wahren Begebenheit“), sich aber für Belege und Fußnoten nicht interessiert. Die Fantasy macht es dem Autor besonders leicht*, da hier nicht nur das Zeit- sondern auch das Lokalkolorit wegfällt**.
Doch auch Autoren des Literatur-Kanons erleichtern sich gern die Arbeit. Sie lieben Slogans, die den Leser davon abhalten, weitere Fragen zu stellen. Wir kennen das bereits aus der Bibel: der Wille Gottes war stets ein Aufruf, das Gesagte / Befohlene / Verbotene / Behauptete klaglos hinzunehmen. Dieser moralische Kodex galt für den Leser ebenso wie für die handelnden Personen.

Auf Platz 2 nach dem des Himmels war „Das Gesetz des Dschungels“ lange Zeit der häufigste Grund, keine weiteren Fragen zu stellen. Das kommt nicht von ungefähr. Der Mensch passt gut in den wilden Busch, ist er doch ein besonders erfolgreiches Raubtier: „ein Abbild der Freiheit und ein Abbild der Wildnis. (…) Natur, auch die Natur des Menschen, hat in diesem Verständnis nichts Versöhnliches. Sie ist nicht bio.“ (Tilman Spengler in „Klassiker der Weltliteratur“).
Bei Rudyard Kipling ist die Natur „nur eine Chiffre für geschärfte Klauen und Blutlust“. Gleichzeitig beschreibt sein „Dschungelbuch“ (1894/95) einen märchenhaften Ort, wenn auch nicht den swingenden Streichelzoo der Disney-Filmversion (1967). Das hier beschworene Gesetz, ist dem (Herren-)Menschen auf den verweichlichten Leib geschneidert. Die Präambel lautet: „‘Das Gesetz des Dschungels‘ verbot den Tieren, Menschen etwas anzutun. Es war einfach zu gefährlich. Das gaben die Tiere aber nicht zu. Sie behaupteten, dass der Mensch das schwächste und wehrloseste aller Geschöpfe sei, daher sei es unsportlich, ihn anzugreifen.“ Es enthält Leitsätze für Mensch (etwa die Aufforderung, nicht zu wütend zu werden) und Tier (Wölfe dürfen nur einzeln ins Rudel aufgenommen werden).
Selbstverständlich können wir den Gesetzestext im „Dschungelbuch“ nicht erschöpflich nachlesen. Das würde in ebenjene Arbeit ausarten, die ja schließlich vermieden werden soll. Auszüge daraus kommen immer gerade recht, um ein sprunghaftes, naives oder unlogisches Verhalten der Figuren zu motivieren.***

Auch die drohende Schwierigkeit, sich in Widersprüche zu verstricken, spricht gegen eine komplette Niederschrift. Der deutsche Comic-Klassiker Aribert Wäscher**** kam in den 7 Jahren seiner beiden großen Urwald-Abenteuerserien häufiger in erzählerische Notlagen als Kipling und Disney zusammen. Entsprechend oft wird in „Akim“ und „Tibor“ aus dem „Gesetz des Dschungels“ (auch „Gesetz des Urwalds“, „Gesetz der Wildnis“, „Gesetz des Waldes“, „die alten Gesetze“ u.a.m.) zitiert; die Logik hinter den verkündeten Vorschriften ist kein bisschen solider als die der Storyline.
Ein Wäscher-Fan hat es 1981 unternommen, sämtliche Dschungel-Regeln zusammenzutragen, die in „Akim“ und „Tibor“ zitiert werden. Eine sinnvolle Reihenfolge wurde nicht gefunden, es blieb bei der Unterteilung der chronologischen Wiedergabe in zwei Abteilungen: „Allgemeine Bestimmungen“ und „Die Machtfrage“.

Dschgelgesetz_AuszugFür das Comicmagazin „Die Sprechblase“ las Rüdiger Harms sämtliche Dschungel-Abenteuer von Hansrudi Wäscher noch einmal unter animaljuristischen Gesichtspunkten durch (Ausriss aus den „Allgemeinen Bestimmungen“ in „Die Sprechblase“ Nr. 38).

Diese Kompilage beweist: die für dieses Regelwerk zuständige Legislative (Hansrudi Wäscher bzw. die Götter des Dschungels?) ist ganz offensichtlich ein Homo-Sapiens-Club – wie im Himmel von Kiplings Weltliteratur, so auf dem Urwaldboden von Akim und Tibor.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/09/25/in-den-fesseln-von-shangri-la/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2016/12/03/tatorte-game-of-thrones-und-die-serioese-polizeiarbeit/
*** Eine ironische Variante des Prinzips „Wichtiges Schriftstück, das wir nur in kurzen Auszügen erfahren“ kennen wir aus einer beliebten Taschenbuchreihe: Tick, Trick und Track zitieren gern aus dem Pfadfinder-Handbuch des „Fähnlein Fieselschweif“, in dem sie für jede Lebenslage den erlösenden wissenschaftlichen Hinweis finden. Bereits nach der Lektüre weniger Abenteuer ahnt der kleine Leser, dass er so ein herrlich nützliches Werk im Buchhandel niemals bekommen wird.
**** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/01/07/tag-des-comics/

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