1.1 Mitunter witzig, selten komisch – Die Sitcom (1)

Wo man lacht, da setz dich auf die Ritze! (Böse Menschen haben keine Witze …)*

Ein schlauer TV-Journalist hat einmal action-orientierte Formate wie „Raumschiff Enterprise“ als Stehfilme bezeichnet und Sitcoms als Sitzfilme. Das klingt schon fast wie eine Übersetzung, ereignen sich Sitcoms doch zum größten Teil auf und im unmittelbaren Umfeld eines Sofas. Dieser Kalauer spielt auf ein Grundproblem der Humorarbeit an: ständig wird irgendwas verwechselt („komisch“ mit „lustig“, Humor mit Nihilismus, Parodie mit Persiflage, Pointe mit Gag, Timing mit Tempo, Lachen mit rechtzeitigem Haha-Sagen). Nicht jeder Mundwinkel, der irgendwie nach oben zeigt, verweist auf die gleiche Gemütslage. John Lennon tat den vielzitierten Spruch, man könne nicht Ukulele spielen, ohne dabei zu lächeln. Dann  kam Götz Alsmann und bewies uns, dass man dabei sehr wohl auch grinsen kann.

Ich persönlich amüsiere mich am besten, wenn es offiziell gar nicht ums Lachen geht, sondern sich in anderen Genres alle Beteiligten darüber im Klaren sind, dass (mit einem gewissen Abstand) Humor allgegenwärtig ist und man dafür stets die richtige Dosis finden muss. (Von William K. Everson wissen wir, dass nicht einmal der Horrorfilm auf Humor verzichten kann.**) Ich lache besonders gerne über einen Erkenntnisgewinn – sei es die Enthüllung eines Geheimnisses oder eine einleuchtende Veranschaulichung. (Besonders gern lese ich Sachbücher.) Die Banalität, die auf Erden überall lauert, hat enormes komisches Potenzial. Die Drama-Serie „The Wire“ wollte ich mir zuerst nicht anschauen, weil ich befürchtete, diese gut recherchierte Parabel auf das Scheitern des American Way of Life mit ihren korrupten Bullen und berührenden Drogengangstern würde mich niederdrücken. Die Sorge erwies sich als unbegründet. In den letzten beiden Staffeln muss ich ununterbrochen vor mich hingekichert haben, so sehr hat mich der menschliche Faktor der Erzählung erreicht.
Und überhaupt: es erzählt einem ja niemand vorher, wo es wirklich was zu lachen gibt. In zehn Schuljahren (und danach) hat mir niemand verraten, welches Vergnügen es ist, Thomas Mann zu lesen. Kafka soll seine Texte ja selbst auch als brüllend komisch empfunden haben …

Nun mag mein Komikzentrum nicht an exakt der selben Stelle liegen wie das meiner Mitmenschen, aber von einigen Gesetzmäßigkeiten dürfen wir ausgehen.
Situationskomik, also das, was im Begriff Sitcom / Situation-Comedy bereits versprochen wird, ist einer der Idealzustände. Das hat u. a. mit ihrem handlichen Format zu tun (siehe unten), aber auch mit der Möglichkeit, die klassische Dramenstruktur zu nutzen.
Natürlich ist keine Sitcom (selbst die guten nicht) auch nur annähernd so reich an zündenden Gags wie es die Studiolacher vortäuschen wollen. Und selbst wenn es so wäre – eine solche andauernde Lach-Dichte könnte kein Mensch aushalten.
Lachen ist nicht zuletzt ein sehr körperlicher Vorgang, und von Zeit zu Zeit braucht man eine Ruhepause. Ich kenne diesen Ermattungseffekt aus wahrhaftig komischen Filmen, bei denen ich über längere Strecken aus dem Lachen gar nicht herauskam – nehmen wir als Beispiel „Eine Leiche zum Dessert“ von Neil Simon. Irgendwann befällt mich eine Taubheit, während der Film eine Weile ohne mich weitergeht. Ich muss mich regenerieren. Wenn ich Glück habe, kann ich mich später wieder einfädeln.
Geht es um Inhalte, sind wir sehr viel wachsamer und empfindlicher. Der Ausruf „too much information!“ war vorübergehend einer von diesen Wischiwaschi-Anglizismen, die man ständig zu hören bekam. Der wahre Kern darin: wir können nur eine begrenzte Menge von Erkenntnis auf einmal verarbeiten, dann brauchen wir eine Pause, um das Gelernte praktisch einzuüben. Darin sind sich alle einig. Nur bei Comedy tun wir gerne so, als seien wir grenzenlos belastbar.

* Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“
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** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/04/08/nehmen-sie-doch-noch-kartoffeln/Forts. folgt

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