Hitch und wir

betr.: 38. Todestag von Alfred Hitchcock / CD- und Lesungs-Reihe „Hitch und ich“ von Jens Wawrczeck

Seit meinem 16. Lebensjahr sammle ich alles, was ich über Hitchcock in die Finger kriege. In Regalfläche gemessen, zu der drei überfüllte Aktenordner mit Artikeln und Bildchen aus der Fernsehzeitung gehören, ist er der Größte im Schrank (in der Filmsammlung sieht es ähnlich aus), und das entspricht meiner persönlichen Einordnung seiner Arbeit. Die Sammlung wird bis heute gepflegt, aber eigentlich rechnete ich nach der Biographie von Donald Spoto, die ich mit 19 las, nicht mehr mit Überraschungen. Hie und da kam noch ein Zitat, eine hübsche Anekdote ans Licht – damit hatte es sich.

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In diesem Regalmeter wird allerlei über den Meister erzählt. Jetzt gibt es Neuigkeiten. Gewissermaßen …

Nein, hatte es nicht. Mit dem Fortschreiten der Hörbuch- und Veranstaltungsreihe „Hitch und ich“ von Jens Warczeck kommt eine ganz neue Dimension dazu. Bei der Herstellung von 53 Filmen hat Hitchcock in ebensovielen Jahren 42 literarische Vorlagen verarbeitet, seine Fernseh-Arbeit nicht mitgerechnet. Das späte aber  systematische Kennenlernen dieser Erzählungen hielt für mich einiges Erstaunliche und das eine oder andere Déjà-vu bereit. Zu den Déjà-vus gehört die Erinnerung daran, dass es neben den ganz zuoberst liegenden englischen Kriminal-Erzählern Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Gilbert K. Chesterton noch ein paar ebenso vergnügliche, entlegenere Namen gibt. An Francis Iles („Verdacht“) und Ethel Lina White („Eine Dame verschwindet“) wäre ich sicher noch ein paarmal vorbeigelaufen, und Jack Trevor Story („Immer Ärger mit Harry“) wäre mir ohne die von Jens Wawrczeck bestellte deutsche Übersetzung gänzlich entgangen. Das Buch ist so flott und pointiert, dass Hitchcock außer dem Schauplatz fast nichts änderte und sogar die Dialoge praktisch übernehmen konnte.

Die bisher größte Überraschung dieser Hörbuch-Edition besteht in der Tiefe eines Abgrunds, den ich längst durchmessen zu haben glaubte. „Fenster zum Hof“ von Cornell Whoolrich ist weitaus düsterer, dabei aber auch weniger elegant als der Film. Bei „Verdacht“ hingegen ist es lustvoll sich vorzustellen, wie schamlos und boshaft der Film ausgesehen aussähe, wäre er nicht unter den Restriktionen der frühen 40er Jahre zustandegekommen – und wäre es nicht undenkbar gewesen, das Cary Grant einen Mörder spielt. Schon zehn Jahre später, Hitchcock war inzwischen sein eigener Produzent, wäre es ein anderer Film geworden, doch es ist fraglich, ob er bis zur Garstigkeit seiner Vorlage hinabgestiegen wäre.
Das Kennenlernen dieser Urtexte – bald wird ein Dutzend voll sein – beschert all denen, die schon so ziemlich alles Einschlägige gelesen haben, einen frischen Blick auf den umsichtigsten und vielseitigsten Entertainer, den das Kino hervorgebracht hat.

P.S.:
In diesem Zusammenhang fiel mir ein Buch wieder ein, das ich vor Jahren aus Respekt vor einer langen Bahnfahrt gekauft habe: „Meisterhaft mörderisch“. Auf den ersten Blick wirkte es wie eine der Krimi-Sammlungen, für die Hitchcock nur seinen Namen hergab, doch es enthält tatsächlich 20 Geschichten, die er für seine TV-Serie „Alfred Hitchcock Presents“ ausgewählt hatte (eine Serie, deren würdige Präsentation hierzulande noch aussteht). Auch hier finden sich ein paar Hörbuch-würdige Preziosen.
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* Erschienen bei Edition Audoba

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