Die schönsten Comics, die ich kenne (24): „In der Nachtküche“

betr.: 6. Todestag von Maurice Sendak

„In der Nachtküche“, Bilderbuch von Maurice Sendak, übersetzt von Hans Manz, Diogenes Verlag 1971, Original: „In the Night Kitchen“, Harper & Row 1970

Die Geschichte verweist auf das Entertainment der 20er und 30er Jahre: ein dem Aussehen nach ungefähr dreijähriger Junge namens Micky, der stark an „Little Nemo In Slumberland“ angelehnt ist, glaubt von Lärm aus seinen Träumen gerissen zu werden – in Wirklichkeit träumt er natürlich weiter. Micky schimpft, es möge Ruhe geben, es bleibt laut. Aber er beginnt zu schweben (auch aus seinem Schlafanzug heraus) und fällt schließlich pudelnackig durch den Fußboden in eine mondbeschienene Großstadtschlucht aus Backzutaten. In einer Küche sind drei Bäcker am Werk, die alle wie Oliver Hardy aussehen. Sie sind so fröhlich in ihre Arbeit vertieft, dass sie Micky nicht bemerken. So landet der arme Kerl in ihrem Kuchenteig und schließlich im Ofen. Da wird es ihm zu bunt. Er durchbricht den Teig und klettert wütend aus der Kuchenform: „Ich bin nicht Milch und Milch ist nicht ich. Ich bin Micky!“
Immerhin ist er nun nicht mehr nackt – der Teig umhüllt ihn wie ein Overall. Aus dem Rest knetet er sich ein Flugzeug und fliegt auf und davon. Obwohl ihm die dicken Ollies so übel mitgespielt haben, besorgt er ihnen noch die für ihr Backwerk so dringend benötigte Milch …

„In der Nachtküche“ gibt mir das Gefühl, dieses Buch sei  nur für mich allein gemacht worden – während Meister Sendak den Rest der interessierten Welt mit den „Wilden Kerlen“ beglückt hat. (Die Idee, meinen Lieblingsschauspieler Oliver Hardy ohne seinen Partner, dafür aber gleich als Drilling agieren zu lassen, ist ebenso bescheuert wie entzückend.) Als ich diese Bildergeschichte (die freilich kein Comic ist, sich aber auf dieses Medium in seiner Frühphase deutlich bezieht) zum ersten Mal las, kapierte ich nur einen Bruchteil seiner Anspielungen, und doch wurde ich davon eingehüllt wie Micky von seinem improvisierten Strampelanzug. Das stilisierte nächtliche Manhattan heimelte mich augenblicklich an, obwohl ich erst Jahre später begriff, dass es sich dabei um die Kulisse des „Lullaby Of Broadway“ handelt, um das New York der Depressionszeit also. Inzwischen wurden mir unzählige weitere Details erklärt, z.B. dass Sendaks Geburtsdatum irgendwo mit eingearbeitet ist. Sogar für die zentrale pädagogische Pointe habe ich ziemlich lange gebraucht: Micky begehrt gegen die erwachsenen Breiverderber auf, obwohl er nicht über die Superkräfte einer Pippi Langstrumpf verfügt. Er ist kein sportives romantisiertes Trotzköpchen, er muss einfach sehen, wo er bleibt.

„In der Nachtküche“ ist ein Beleg für meine Devise, dass niemand eine Pointe erklären können (oder auch nur bemerken) muss, um auf sie zu reagieren. Ich scheitere seit Jahren damit, meine Kunden für diese Botschaft zu gewinnen, aber hin und wieder jubele ich ihnen etwas davon in den Kuchenteig.

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