Ein schlitzohriger Abend mit Gerhard Polt

betr. 30. Hamburger Kabarettfestival, Gerhard Polt

Gestern wurde ich sehr spontan zu einem Besuch des St. Pauli Theaters ermuntert, um die ausgefallene Begleitung eines Freundes beim Besuch einer Kabarettveranstaltung zu vertreten. Da es sich um Gerhard Polt handelte, überlegte ich keine Sekunde: ein Großmeister, ein Klassiker, eine lebende Legende. Und – leider auch das –: ein Schlawiner.

Ich erinnere mich gut an meinen letzten Besuch eines Abends mit Gerhard Polt in den 80er Jahren. Zwar verhieß das Plakat „Gerhard Polt und die Biermösl Blosn“, aber aus dem Fernsehen – von Kleinkunstpreis-Veranstaltungen oder seinen Gast-Auftritten etwa im „Scheibenwischer“ – kannte ich Polt als Solisten. In seiner klassischen Sketch-Reihe wiederum wurde er von einem Darstellerensemble um seine Partnerin Gisela Schneeberger unterstützt, war aber auch hier ein Mann des Wortes. Ich dachte also, Gerhard Polt wäre der Protagonist eines Sprechprogramms, und die Musik würde ihm allenfalls einen Rahmen geben.
Tatsächlich erlebte ich Polt als verbale Einlage in einem Volksmusik-Programm. Gewiss: die Biermösl Blosn (fabelhafte Instrumentalisten allesamt) spielten zu frechen Texten auf, aber die gingen für mich weitgehend in ihrem Idiom unter (der Dialekt ist wohl stärker als die Pointe), und ihr Sound war so lupenrein volkstümlich, dass ich mich unentwegt fühlte, als habe man mich trickreich in eine Schunkelsendung gelockt. Dazwischen erhob sich Gerhard Polt immer mal wieder von einem seitlich platzierten Stühlchen und wechselte sich mit den Musiknummern ab – nur dass die viel länger dauerten als die meisten seiner Wortbeiträge. (Wer die Anni-Witze kennt, der weiß: eine Polt-Nummer kann verdammt kurz sein!)
Hätte ich mich nicht als Öffner einer Mogelpackung gefühlt, ich hätte mich sicher ganz gut amüsiert – obwohl zwischen den Musik- und den Polt-Passagen (abgesehen von der bayerischen Tonart) keine Beziehung bestand. Nur einmal machten die Künstler etwas zusammen: im Laufe einer zünftigen Almwiesen-Musi erhob sich der Meister, um kurz eine Kuhglocke zu läuten und ein paar Nutztierstimmen einzuwerfen.

Als ich nun gestern gefragt wurde: „Kommst du mit zu Polt?“ fühlte ich mich in Sicherheit, hatte Gerhard Polt doch vor einiger Zeit in einem ausgedehnten Interview (ich glaube, in der „Süddeutschen“) von seiner Begleit-Band Abschied genommen. Ganz im Frieden habe man sich nun nach langer Zeit voneinander gelöst undsoweiter.
Jawoll, dachte ich, nun kann ich meinen Lieblings-Grantler einmal abendfüllend erleben.
Doch schon das am Theater befestigte Plakat verunsicherte mich. Darauf stand: „Gerhard Polt und die Well-Brüder aus’m Biermoos“. Das bedeutet in der Praxis: abermals garnieren drei Musiker vom Stamme der Wells den Altmeister wie drei Bratwürste eine edle Ofenkartoffel. Auch die Nummer mit der Kuhglocke taucht wieder auf.

Hat’s denn trotzdem Spaß gemacht?
Ja klar, Polt ist ein Goldstück und serviert soliden Stand-Up, aber – halten zu Gnaden – wirklich großartig  wird er erst im späteren Verlauf des zweiten Teils. Dort läuft er zu der Form auf, für die er von älteren Herrschaften wie mir verehrt wird, und er und seine Musiker schmelzen sogar ein wenig zusammen: sie bestreiten allerletzten Acts (bzw. Zugaben) gemeinsam (offensichtlich das vergnügliche Nebenprodukt vieler gemeinsamer Stunden, die man sich im Laufe der Jahre gemeinsam auf Tournee bzw. der Probe befunden hat).
Ja, es hat Spaß gemacht. Und geärgert hab ich mich auch wieder.

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