Die schönsten Filme, die ich kenne (66): „Eskimo Limon: Eis am Stiel – Von Siegern und Verlierern“

Ich sah die „Eis am Stiel“-Filme Anfang der 80er Jahre – den ersten bestimmt sechs- oder siebenmal – weil ich mich in einen Nachbarsjungen verknallt hatte, dessen Eltern einen der ersten Videorecorder im Ort besaßen. Ich musste mir die platonische Nähe zu diesem Jungen damit erkaufen, diese Filme mit ihm anzusehen und ihm dabei zuzuhören, wie er sie als meisterliche Kunstwerke pries und in den abgebildeten Handlungen den Gipfel der Erfüllung und des Savoir Vivre erblickte. In diesen Monaten hörte ich so viele Rock’n’Roll-Balladen – aus dem Fernseher und auf der nach jeder Präsentation aufgelegten Schallplatte zum Film -, dass es bis zu meinem 90. Geburtstag gereicht haben wird.
Trotzdem war ich auf Eric Friedlers aktuelle Doku zum 40. Geburtstag dieses Medienphänomens sofort unsagbar neugierig.

„Eis am Stiel“ handelt von drei Freunden aus der Unterschicht: vom schüchternen, schmächtigen Benny (Yftach – bzw. Jesse – Katzur), dem fetten Aufschneider Johnny (Zachi Noy) und dem schnuckeligen, schmalzbetollten Aufreißer Momo (Jonathan Sagall), die im Tel Aviv der 50er Jahre ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen und ihre Freundschaft dabei auf eine harte Probe stellen.
Der erste und noch als Einzelstück gedachte Film mischt gekonnt eine völlig unideologische israelische Milieustudie (sicherlich die erste ihrer Art) mit schrill-peinlichem Pubertätsklamauk und der Art von Teenie-Romantik, wie sie wenige Jahre darauf in den züchtig-eleganten „La Boum“-Filmen gefeiert wurde. Diese Kombination war so frisch und einmalig, dass der für sehr kleines Geld produzierte „Eis am Stiel“ zum großen Überraschungserfolg der 1978er Berlinale wurde, fast überall wie eine Bombe einschlug (außerhalb Amerikas, wo er immerhin ausgezeichnet wurde) und noch ein halbes Dutzend elender Fortsetzungen (bzw. Nacherzählungen) nach sich zog. Danach waren Regisseur und Produzenten reich und machten Karriere in Hollywood. Die Darsteller, die sich jahrelang durch explizite Nacktszenen und demütigenden Slapstick gequält hatten, verfehlten solche Segnungen allesamt, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.

Zachi
Der 25jährige Zachi Noy bei einem Gastauftritt im Deutschen Fernsehen: wieder drückt er die Schulbank und redet von Geschlechtsverkehr.

Als Zachi Noy und Yftach Katzur in „Eskimo Limon“ erstmals in aktuellen Bildern gezeigt werden, ist man platt, wie ähnlich sie sich noch immer sehen

und wie treu sie ihrem Typ mit Anfang 60 geblieben sind. Zachi wirkt praktisch unverändert, so als habe man ihm lediglich ein paar Falten geschminkt. Er hatte stets die grauenhaftesten Herabsetzungen zu erdulden, wurde geschlagen (auch hinter der Kamera, damit sein Weinen überzeugend aussah), nackt auf die Straße gejagt, eingegraben, bepinkelt und in einer Latrine versenkt. Aber Zachi Noy träumt bis heute davon, seine Karriere könne eine späte Wendung nehmen, die das Publikum seinen „dicken Johnny“ vergessen lässt. Bis dahin tritt er auf Dorfdisco-Events auf – als dicker Johnny natürlich. Sein Kollege Yftach Katzur hat sich längst ins bürgerliche Leben verabschiedet und verströmt eine stille Melancholie. Eine halbe Stunde lang vermisst man den Dritten im Bunde, ehe man den Grund erfährt: Jonathan Sagall, der Darsteller des feschen Johnny, ist homosexuell und erweist sich im Rückblick somit als der größte Schauspieler des Ensembles. Man kann nur vermuten, wie übel ihm die Kluft zwischen seinem Draufgänger-Image und seiner schamvoll verheimlichten Neigung zugesetzt haben mag. Und man versteht, warum er sich an dieser Dokumentation nicht beteiligen wollte.
So bitter diese Star-Probleme auch sein mögen, in die schwärzeste Finsternis sind einige der Nebendarstellerinnen hinabgestürzt. Die bis dato geachtete Schauspielerin Ophelia Shtruhl wurde durch ihren Auftritt als splitternackte Nymphomanin in Israel zur Unperson und durfte nie wieder vor eine Filmkamera treten. Sibylle Rauch, ab Teil drei als dralle Blondine mit dabei, wechselte erst zum Hardcore-Porno und dann in die Prostitution.

Trotz seines saftigen Themas ist diese Doku zu ihren Mitwirkenden ebenso fair wie zu ihrem Publikum: sie unterlässt jede moralische Belehrung und schreibt uns auch nicht vor, nach welchen Kriterien wir die Filme selbst beurteilen wollen (nach den damaligen oder den heutigen).
„Eskimo Limon – Eis am Stiel. Von Siegern und Verlierern oder Die bittersüße Geschichte einer unendlichen Filmproduktion“ ist umso beeindruckender, wenn man ihn mit dem Film vergleicht, den Eric Friedler vor zwei Jahren über ein enigmatisches Filmprojekt von Jerry Lewis gedreht hat (wiederum ein im weitesten Sinne jüdisches Sujet). Im Gegensatz zu „Der Clown“ ist „Eskimo Limon“ unprätentiös, niemals geschwätzig, keine Sekunde zu lang, voller Kolorit und restlos aufrichtig. Er weist weit über sein Thema hinaus.

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