Die schönsten Filme, die ich kenne (67): „Die Erbin“

betr.: 69. Jahrestag der Premiere von „Die Erbin“

New York um die Jahrhundertwende. Der reiche Arzt Dr. Sloper (Ralph Richardson) lebt allein mit seiner Tochter Catherine (Olivia de Havilland) am Washington Square. Er lässt sie deutlich spüren, wie sehr er sie verachtet, beschimpft sie als unbeholfen, hässlich und nicht sonderlich aufgeweckt. Damit hat er nicht ganz unrecht, aber das Problem sitzt tiefer: aus seiner Sicht hat Dr. Sloper dieses Mauerblümchen zum Tausch für seine wunderschöne Frau bekommen, die bei Catherines Geburt starb – und dabei ein denkbar schlechtes Geschäft gemacht.
Als sich der bildhübsche, leichtlebige Habenichts Morris Townsend (Montgomery Clift) für Catherine interessiert, wittert der Arzt einen Mitgiftjäger und wirft ihn hinaus. Catherine will sich das nicht bieten lassen, vergisst ihre übliche Zurückhaltung und ist sogar bereit, auf ihr Erbe zu verzichten, was sie Morris dummerweise zunächst nicht erzählt. Die beiden beschließen, durchzubrennen und zu heiraten, doch es kommt anders …

Der elsässisch-amerikanische Regie-Großmeister William Wyler war ein Spezialist für scheiternde Individuen. Gleichwohl ist er in allen Genres zuhause gewesen und fand zuletzt in ein versöhnliches Spätwerk aus romantischen Komödien. „Die Erbin“ – 1949 im Mittelteil seines Schaffens entstanden – ist alles andere als das, ein Drama, in dem Wyler uns und seinen Figuren keine Plattitüde, keine Illusion, keine noch so kleine Schwachheit durchgehen lässt.
Bei dem zugrundeliegenden Bühnenstück (das wiederum auf einer Romanvorlage beruht) soll es sich um ein eher bedeutungsschwangeres Salonstück gehandelt haben, in dem Morris als Musterbeispiel eines Erbschleichers erschien. William Wyler hält Montgomery Clift dazu an, uns und Chatherine gemeinsam mit einer überaus bestrickenden Darstellung hinters Licht zu führen. Die Szene, „in der das Mädchen mit ihrer Tante auf ihren Liebhaber wartet, der nicht kommt (…) führt ungewöhnlich stetig auf einen schönen dramatischen Höhepunkt zu. Diese Art der Dramatik, die zwar durchaus kraftvoll ist, aber relativ unkomplizierte Charaktere und Gefühle involviert, ist Wylers Stärke.“ (schreibt Karel Reisz in seinem Artikel „The Later Films Of William Wyler“. Danach erklärt er „Die kleinen Füchse“ zu einem noch gelungeneren Beispiel für diese Kunst, wobei ich ihm ausdrücklich widersprechen möchte). Im dritten Akt schließlich läuft einer dieser „unkomplizierten Charaktere“ zu großer Form auf. „Die Erbin“ erzählt von der Sinnlosigkeit fauler Kompromisse – und von ihrer Alternativlosigkeit. Der herzlose Dr. Sloper geht gewissermaßen als der moralische Sieger aus dieser Geschichte hervor, doch er hat nichts mehr davon.

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