Swiping – Darf man das? (1)

Swiping ist ein Begriff aus der Welt der Neunten Kunst. Er bezeichnet das Abmalen einzelner Details von bereits  veröffentlichten Arbeiten anderer Comiczeichner.
Einen Anblick in ein paar Striche aufzulösen, in denen der Betrachter dann das reale Vorbild wiedererkennt, ist ein ganz wesentlicher Teil des kreativen Prozesses, und insofern dürfen wir das Swipen als einen Akt der Faulheit betrachten. Je nachdem, wie dreist der Faulpelz vorgeht, ist es sogar ein Diebstahl bzw. eine moderne Variante der Kunstfälschung. Das sind unschöne Dinge, und folglich hat sich im Internet (dem Arkadien selbsternannter Hüter der Guten Sitten) längst eine Gemeinde zusammengefunden, die die veröffentlichten Fälle solcher Kopierarbeiten aufspürt und auf speziellen Portalen der Vorlage gegenüberstellt.

SwipingDieser Screenshot untersucht zwei Panels aus dem Band 1 der systematischen Neuauflage von „Clever & Smart“ (Carlsen Verlag). Mehr davon und eine kundige Diskussion zum Thema findet sich unter  https://www.youtube.com/watch?v=wrNDDx-m678.

Nicht jede solche Übernahme ist gleich ein Plagiat. Außerdem steht das Kopieren bei allem, was ein Mensch (bzw. Säugetier) überhaupt erlernen kann, am Anfang aller Bemühungen. Wir beginnen mit der Imitation von Vorbildern, egal ob wir laufen, sprechen oder Zeichnen lernen. Schon die alten Römer wussten: „Repetitio est mater studiorum“ („Nachäffen ist die Mutter der Erkenntnis“).
Das Übernehmen von Vorhandenem ist also notwendig, damit es überhaupt zu einer zivilisatorischen Entwicklung kommen kann. (Anderenfalls müsste jede Generation wieder von vorne anfangen.) Während dies in der Wissenschaft vollkommen unstrittig ist und wichtige Entdeckungen mit Nobelpreisen oder Namenspatenschaften („Röntgenstrahlung“, „Parkinson-Krankheit“, „Bunsenbrenner“ …) gewürdigt werden, hat das Nachmachen in der Kunst einen üblen Beigeschmack.* Schließlich ist Kunst eben keine exakte Wissenschaft. Es geht nicht nur um Gesetzmäßigkeiten, sondern auch um Kreativität. Und die Grenzen sind fließend – Musik etwa folgt klarer definierten Gesetzen als das Schauspiel, auch im Schauspiel gibt es sie, dort wie in der Musik können sie missachtet werden …**

Beim Swiping ist der Grad der Verwerflichkeit sehr unterschiedlich. Das genannte Beispiel aus „Clever und Smart“ hat der Comiczeichner Ralf König mit der achselzuckenden Bemerkung quittiert: „Ich kann auch keinen Autobus zeichnen.“ Andererseits sind in Königs Arbeit unbelebte Dinge (Hintergründe, Gebäude, technische Einrichtungen) menschlichen Aspekten (Mimik, Körperlichkeit, Dialog) klar untergeordnet. Andere Künstler behandeln sie gleichrangig mit ihren Figuren (Hergé), geben ihnen punktuell sogar den Vorzug (Turk) oder interessieren sich ausschließlich für sie und erledigen die Charaktere nur handwerklich mit wie bei einer Werbegrafik (Graton).
Die folgenden Beispiele wollen diese unterschiedlichen Ansätze veranschaulichen und zu einer persönlichen Beurteilung einladen.

Fortsetzung folgt
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* Zum musikalischen Aspekt dieser Überlegung siehe https://blog.montyarnold.de/2014/09/16/sei-schlauer-als-der-klauer/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/?s=der+b%C3%BChnenkunst

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