Swiping – Darf man das? (3)

Swiping im eigenen Haus

Als die ersten Bände von „Walt Disneys Lustige Taschenbüchern“ erschienen, wurde aus den Namen der Zeichner und Autoren noch ein Geheimnis gemacht. Das sollte der unverwüstlichen Legende Vorschub leisten, „ein einzelner Mensch“ (in diesem Falle Walt Disney) habe all diese Comics selber hergestellt.
Bis auf eine Handvoll klassischer CarlBarks-Geschichten stammten sämtliche Beiträge in den Taschenbüchern von fähigen italienischen Künstlern. Die meisten meiner Mitschüler, mit denen ich damals die Bücher tauschte, erkannten keinen stilistischen Unterschied zwischen ihnen. Nur der (ebenfalls ungenannte) Giuseppe Perego bildete eine Ausnahme. Er fiel den meisten auf den ersten Blick als „dieser miese Zeichner“ auf, und in der Tat wirken seine drei- bis sechsseitigen Überbrückungen zwischen den eigentlichen Abenteuern, als habe sie ein hilfreicher Leser unverlangt eingesandt. Perego erkennt man z.B. daran, dass er keine offenen Schnäbel zeichnen kann, was in einer Serie um sprechende Enten durchaus problematisch ist. Dennoch durfte er hin und wieder auch Beiträge fürs Hauptprogramm herstellen und häufig sogar die LTB-Cover (die Matthias Hofmann im Jubiläumsband „Eine Retrospektive“ zum 50. Geburtstag der LTB-Reihe „eher spartanisch“ nannte) und Rückseiten gestalten. Er wurde auch bemüht, wenn einzelbildweise Retuschen an den Comics vorgenommen wurden, falls dem Verlag eine Szene zu drastisch erschien.

Bei seinen Füll-Erzählungen (die die Illusion einer zusammenhängenden Geschichte von Taschenbuchlänge erzeugen sollten) hatte Perego ein Problem, das seinen Kollegen erspart blieb: er musste hin und wieder die Figuren in den gleichen Dekorationen auftreten lassen, in denen sie davor oder danach aus anderer Feder zu sehen waren. In Band Nr. 13 „Micky in Gefahr“ (erschienen im September 1970 und übersetzt von Gudrun Penndorf) kopiert er sogar komplette Panels, was uns in die Lage versetzt, das Faszinosum seines herausragenden Stils zu studieren. Auf Seite 75 gibt es zwei von Perego gezeichnete Rückblenden ins soeben auserzählte Abenteuer „Der Mann aus Ping-Pong“ von Romano Scarpa, auf denen sein Strich sogleich (vorübergehend) etwas sicherer wird. (Seltsamerweise sind schon auf der vorigen Seite vier Panels aus „Der Mann aus Ping-Pong“ wiederholt worden, diesmal aber in Scarpas Original). Auf Seite 76 schließlich marschiert Micky Maus rechts unten aus dem Bild (Kopie), um auf der gegenüberliegenden Seite in der exakt gleichen Pose wieder aufzutauchen (Original), im ersten Panel des Abenteuers „Micky und der hypnotische Kreisel“, ebenfalls von Romano Scarpa.

Das verlagsinterne Ab- bzw. Neuzeichnen hat in einem völlig anderen Genre seit mehr als 50 Jahren Tradition: bei den Marvel Comics. Die Entstehungsgeschichten der Superhelden werden immer wieder in Panels mit blubbernder Umrandung nacherzählt. Dabei werden die Perspektiven mitunter verändert, manchmal geschieht auch eine völlige Neukomposition der Szene. Das erste Beispiel ist bis heute eines der populärsten: die unzähligen Male, die Jack Kirby den Jungfernflug der „Fantastischen Vier“ – bei stetig sich entwickelndem Stil – neu gestaltete.

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Eine Antwort auf Swiping – Darf man das? (3)

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