Die schönsten Filme, die ich kenne (68): „Der Zirkus“

Sieht man von einem insgesamt vergessenen Melodram ab, ist „The Circus“ der am wenigsten populäre von Charlie Chaplins abendfüllenden Stummfilmen und wird sogar von einigen der Kurzfilme überrundet. Er verfügt nicht über solche Kabinettstückchen wie den „Brötchentanz“ oder die ikonografische Szene mit dem Fabrikarbeiter im Zahnradgetriebe. Abgesehen davon ist er von unerreichter konzeptioneller Reinheit und hält überragenden Slapstick und den besten von Chaplins  nachträglich geschaffenen Soundtracks bereit – das Titellied nahm er an seinem 80. Geburtstag auf.

Unschuldig von einem Polizisten über den Rummel gejagt, flieht der kleine Tramp in einen Zirkus und bringt die müde Vorstellung durcheinander. Da das Publikum sich bei dieser Gelegenheit erstmals richtig amüsiert hat, nimmt ihn der Zirkusdirektor unter Vertrag. Zunächst krankt das Projekt daran, dass Charlie nur versehentlich komisch sein kann, doch er kriegt den Bogen raus, und der Zirkus prosperiert. Nun kann er sich für die leidgeprüfte Stieftochter des Direktors starkmachen, in die er sich verliebt hat. Doch Charlies Hoffnung, sie würde aus Dankbarkeit seine Gefühle erwidern, erfüllt sich nicht. Das muss er erkennen, als ein attraktiver Seiltänzer zur Truppe stößt …

Circus-Silent-Pictures-LaserDisc-343284-N_FDie Laserdisc mit ihren Extra-Tonspuren und Bonus-Materialien war die Vorläuferin der DVD. Auf dem Cover dieser „Circus“-Prachtausgabe von 1993 sehen wir Chaplin mit Merna Kennedy und dem köstlichen Henry Bergman. (Fox Video)

Die Dreharbeiten des Films „The Circus“ wurden von diversen Heimsuchungen immer wieder unterbrochen. Einige hatten eher burlesken Charakter (eine Knabenschulklasse klaute die Zirkuswagen), andere nicht. Die schlimmste davon war Chaplins Scheidung von seiner zweiten Ehefrau. Dieses Ereignis ließ die Arbeit für 12 Monate ruhen und den Hauptdarsteller ergrauen, so dass er sich für die restlichen Szenen die Haare färben musste.
Chaplin floh in den üblichen Perfektionismus: 200 Takes gingen für die Löwenszene drauf, für den Hochseilakt brauchte er 700. Diese akrobatische Performance sieht nicht nur verblüffend echt aus, Chaplin hat zu diesem Zweck tatsächlich Seiltanzen gelernt. Den Unterricht erteilte ihm sein langjähriger Assistent und Stamm-Schauspieler Henry Bergman. Ein Biograf wunderte sich über ihn: „Es bleibt uns verborgen, wann dieser vielseitige Mensch sich diese Kunst angeeignet hatte, die man bei einem Mann seiner Leibesfülle nicht unbedingt vermutet.“ Bergman leitete außerdem ein Schauspieler-Restaurant in Hollywood, aber eines konnte bzw. wollte er nicht: den finsteren Zirkusdirektor spielen, wie eigentlich vorgesehen. Er empfand sich selbst dafür als „zu dick und zu ulkig“ und bekam die Rolle des alten Clowns.

Zu den großartigsten Momenten des Films gehört das Finale. Als der Zirkus weiterzieht, laden die dankbaren Frischvermählten Charlie ein, in ihrem Wagen mitzureisen. Er möchte nicht stören, also schickt ihn der Direktor in den letzten Wagen. Der Tross setzt sich in Bewegung, und als der besagte Zirkuswagen ihn passiert, springt Charlie – der langsam nebenhergelaufen ist – nicht auf. Er bleibt im nunmehr freigelegten Rund der Manege zurück und findet im Sägemehl den Papier-Rest aus einem der Reifen, durch den das Mädchen gesprungen ist. Er zerknüllt das Papier und geht seiner Wege.
Carol Reed hat dieses Prinzip einer stummen Konsequenz, die jeder Zuschauer für sich selbst erfährt, am Ende seines Dramas „Der dritte Mann“ ebenfalls zur Anwendung gebracht – mit dem gleichen grandiosen Effekt.

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