Das könnte mir so passen

betr.: Dankesrede des Schriftstellers Peter Stamm zur Verleihung des Solothurner Literaturpreises / „Neue Zürcher Zeitung“ vom 18. Mai 2018

Da gibt es dieses wöchentlich erscheinende Magazin, das in der Bonner Republik stets in einem Atemzug mit dem „Spiegel“ genannt wurde. Ich lese es seit sicher 20 Jahren nicht mehr regelmäßig, und gerät mir doch einmal ein Exemplar in die Hände – zumeist in einem Wartezimmer – befällt mich eine leichte Schwermut angesichts eines solchen Niedergangs. Ich blättere mich dann rasch durch dieses Gemisch aus ganzjährigen Sommerloch-Themen, dieses konsequent auf Wirkungslosigkeit ausgerichtete Wischiwaschi der Lifestyle- und Selbstoptimierungs-Vorsätze. Irgendetwas hat mich dieser Tage dazu veranlasst, eine solche „Strecke“ (wie sowas dann immer heißt) tatsächlich komplett durchzulesen, und ich fand darin einen klugen (wenn auch journalistisch unerheblichen) Aphorismus. Er erinnerte uns daran, dass die Lebensmitte, das krisenhafte Stadium des „Midlife“, einen großen Vorzug bereithält: es kann den endgültigen Abschied von der jugendlichen Erwartung bedeuten, dass sich unsere Wünsche zu erfüllen hätten. Als jemand, der diesen Moment der Ernüchterung rein rechnerisch längst hinter sich hat, erquickte mich dieses Bild. Ich erinnerte mich der Verzweiflung, die mich früher befallen konnte, wenn ich nicht bekam, was mir meiner Meinung nach zustand. Letztlich haderte ich dann viel länger mit dieser Verzweiflung als mit ihrem Anlass.

Auch der Schriftsteller Peter Stamm spricht in einer Rede, die die „Neue Zürcher Zeitung“ dankenswerterweise abgedruckt hat, von dieser Selbstwerdung. Ich bin (noch?) weit davon entfernt, seine Konsequenz zu ziehen, das mir das Lesen von Büchern irgendwann gleichgültig sein könnte, als die Endstufe eines ganz natürlichen Abnabelungsprozesses. Hier handelt es sich um eine Erwartung an mein Leben, die ich nach wie vor mit großer Unnachsichtigkeit einfordere (vor allem von mir selbst). Dennoch sprechen mich viele Bilder über das Nach- und Loslassen in seinem Text sehr an.
Christoph, einer von Stamms Romanhelden, vergisst das Manuskript seines Romans in einem Restaurant und macht sich nicht einmal die Mühe, es wiederzubeschaffen: „Ich überlegte, ob ich die Kneipe suchen sollte, in der ich meinen Rucksack liegengelassen hatte, aber ich bezweifelte, dass ich den Ort wiederfinden würde, ich war nicht einmal sicher, ob es ihn überhaupt gab.“

Ich nach der Gelassenheit der Figuren in diesem und den zahllosen anderen Beispielen. Gleichzeitig will ich niemals jemand sein, der liegengelassene Bücher nicht wiederhaben will (auch dann nicht, wenn er sie selbst geschrieben hat). Soviel steht fest: nur maximal einer dieser Wünsche wird sich – vielleicht – erfüllen.

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