Birdwatching

betr.: Jens Wawrczeck hat aus Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ ein Hörbuch gemacht (Edition Audoba).

Der häufig strapazierte Satz vom neuen Detail, das man bei jedem Wiedersehen eines geliebten Filmes entdeckt, ereilte mich beim gefühlt zwanzigsten Anschauen von „Die Vögel“ auf einer Meta-Ebene. Was mir knapp 40 Jahre lang entgangen war und was ich auch noch nirgendwo gelesen habe: der 3. Akt von „Die Vögel“ ist für sich allein betrachtet der erste archetypische Endzeit-Film. Glauben Sie nicht? Nennen Sie mir einen, der schon vorher gedreht wurde, und ich werde Abbitte leisten. Natürlich gab es schon vorher Filme, die in dystopischer Wüstenei abliefen – und einige Monate später wieder in der ersten Verfilmung von Richard Mathesons „I Am Legend“ mit Vincent Price (später „Der Omega-Mann“ mit Charlton Heston)  – aber die besondere Atmosphäre, die dieses Genre als große Klammer umarmt, findet sich zuallererst in Hitchcocks Schlusskapitel und dann in einer Unzahl von Science-Fiction-Filmen, besonders in den 70er Jahren.

Von dieser Besonderheit lenkt „Die Vögel“ aber auch auf vielfältige Weise ab. Einige der raffinierten Ideen, die hier versammelt sind, werden uns tatsächlich erst bei der Lektüre der vielen Analysen wirklich bewusst, vor allem bei Hitchcocks berühmtem Gespräch mit Francois Truffaut.
Und doch war ein Biograf unglücklich über eine Frage, die Truffaut nicht gestellt hat: man hätte doch zu gern etwas mehr über die Intentionen erfahren, die hinter einem derart allegorischen Werk stecken. Kurz vor seinem Tode – inzwischen hatte die Öko-Bewegung zu rumoren begonnen – gab Hitchcock in einem Film-Interview Richard Schickel die Antwort: „Das Grundthema des Films ist, dass jeder die Natur als selbstverständlich hinnimmt. Alle nahmen die Vögel als selbstverständlich hin, bis diese angegriffen haben. Man hatte auf Vögel geschossen, sie gegessen, sie in Käfige gesteckt, sie hatten alles erduldet. Es war an der Zeit, zurückzuschlagen.“ In Anspielung auf einen seiner früheren Klassiker fügte er hinzu: „Der Mensch hat auch mit Uranium 235 herumgespielt – und wohin hat uns das gebracht? Uran ist nicht selbstverständlich, es ist allerhand.“

Donald Spoto, der erste gründliche Biograf des Menschen Hitchcock, stöbert noch in einer schlechten Nachricht ein Körnchen von dessen Meisterschaft auf: er erwähnt die Beschwerden einiger Kritiker über das offene Ende von „Die Vögel“ und erkennt: „Was für das europäische Kino eine überraschende Tugend war, galt in Amerika offenbar als ein Zeichen von Schwäche“.
Hitchcocks Gabe, große Entwicklungen weiterzutreiben oder sie quasi mit der linken Hand anzustoßen (siehe oben), macht ihn für mich zum großen Universal-Entertainer Hollywoods – zum größeren als (die hochverehrten) Disney und Chaplin oder (dem immer wieder hartnäckig genannten) Kubrick.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/07/06/angst-und-schrecken-in-isola/

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