Eine Tanzstunde ich sechs Tagen

betr.: „Die Tanzstunde“ von Mark St. Germain zu Gast bei den Privattheatertagen Hamburg

Privattheatertage 2018

Wer mit den fleißig im Fernsehen übertragenen Berliner Boulevardstücken aufgewachsen ist – mit dem Tummelplatz von Wolfgang Spier, Edith Hancke, Günter Pfitzmann und Co. – der kann sich in „Die Tanzstunde“ gewissermaßen ein Update verschaffen. Schon auf den ersten Blick ist dies ein sehr gegenwärtiges Stück: das Bühnenbild weist keinerlei sichtbare Türen auf, durch die das Personal rein- und rauslaufen kann, und die Protagonisten sind Figuren wie sie zur Zeit der Bonner Republik noch nicht existiert haben: ein Nerd und eine Musicaldarstellerin. (Wer zuschaut, wird noch weitere Indizien finden.)
Diese Geschichte um einen autistischen Professor, der bei einer fachlich vorbelasteten, aber gesundheitlich angeschlagenen Nachbarin eine Tanzstunde bucht, um auf einer Preisgala auf dem Parkett bestehen zu können, obschon er einen Horror vor körperlicher Nähe hat, ist gut recherchiert und fabelhaft geschrieben, keine Frage. Was das Ganze aber zu einem Erlebnis macht, ist die Darstellung von Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen, die die Tücken von Sentiment und Klischee meisterlich umschiffen und ihre Charaktere stets als menschliche Wesen erscheinen lassen. Auch die zwei bis drei Momente, die vor lauter Kitsch eigentlich nicht funktionieren können, flutschen wie das wahre Leben.

tanzstunde-bMit Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen in einem Boulevard-Bühnenbild 2.0.


„Die Tanzstunde“ erntete einen der beiden leidenschaftlichsten Schluss-Appläuse des bisherigen Festivals. (Leider konnten es einige Herrschaften wieder einmal nicht lassen, sich dazu auch noch zu erheben, obwohl im Dialog die goldene Brücke gebaut wird: „Am Ende wird geklatscht, und schließlich stehen ein paar Leute auf, damit die Schauspieler endlich von der Bühne gehen.“)

Im Vorgespräch unterstellte Regisseur Martin Woelffer – soeben aus den historischen Max Reinhardt-Theatern am Ku’damm ausgezogen, um der  Abrissbirne auszuweichen* – in Hamburg gäbe es „sowas“ nicht. Stimmt – bei uns werden vor allem alte Kinos abgerissen.
_____________
* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/02/26/berliner-stadtmusikanten/

Dieser Beitrag wurde unter Theater abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Eine Tanzstunde ich sechs Tagen

  1. Ulli Donner sagt:

    Ich hoffe sehr,dass meine absolute Lieblingsschauspielerin Tanja Wedhorn mit ihrem Bühnenpartner Oliver Mommsen diesen schönen Preis gewinnt !
    Ich sehe das Stück im März ’19 . LG aus Tirol.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>