„Jung Roland kam zum dunklen Turm“ frisch übersetzt

Dieses Gedicht von Robert Browning wird gelegentlich in der Popkultur zitiert und heraufbeschworen: die Reise des jungen Ritters Roland, der etwas sucht, das man allenfalls mit der Seele findet: er strebt nach Erlösung – jedoch (anders als Parsifal) nach der eigenen, und zwar, indem er sich den Gleichgesinnten einreiht, die als tote Helden in einer Art Walhalla versammelt sind.
Der Originaltext „Childe Roland To The Dark Tower Came“ wurde hier bereits präsentiert, doch eine brauchbare deutsche Übersetzung gab es bisher nicht.* Nun hat der Verleger und Übersetzer Joachim Bartholomae im Auftrag des ST. GEORGE HERALD eine solche angefertigt. Dabei kam dies und das ans Licht. Zum einen gibt es eine Art „schwuler“ Strophe – einiges deutet darauf hin, dass Roland Sex mit seinem Jugendfreund hat. Zum anderen beschreibt Browning Kafkas Foltermaschine aus der „Strafkolonie“[1], auch er benutzt den Ausdruck „Egge“ – sollte Kafka die Ballade gekannt haben?
Über solches und noch mancherlei kann nun jeder selbst nachdenken.
Der Begriff „Slughorn“ in der letzten Strophe wird beibehalten. Es handelt sich offenbar um eine Wortschöpfung Brownings, die von J. K. Rowling als Figurenname in die Welt von „Harry Potter“ übernommen wurde. Das altenglische Wort ist eine Vorform von
„Slogan“ im Sinne von Kampfruf.

Robert Browning
Jung Roland ist zum dunklen Turm gekommen (1855)
deutsch von Joachim Bartholomae

1.

Ich wusste, dass er lügt, was er auch spricht,
Der Krüppel mit eisgrauem Haar, sein  Auge
Schielt böse, ob mir seine Lüge tauge
Und in mein eigenes Gespinst sich flicht.
Verhehlen kann sein Mund des Hohnes nicht
Dass er des neuen Opfers Kraft aussauge.

2.
Zu welchem andern Zweck sonst lauert er
Auf seinen Stab gestützt am Wegesrand,
Er will voll Falsch die Fremden hier im Land
Verführ‘n mit seiner heuchlerischen Mär.
Sein Totenschädel grinst mir hinterher
Und seine Krücke kritzelt in den Sand.

3.
Als folgt‘ ich seinem Wink, wählt‘ ich den Pfad
In jene Wüstenei; ich hört‘ zuvor,
Verborgen raget dort der Turm empor.
Ergeben folgt‘ ich seinem bösen Rat.
Ohn‘ Stolz, ohn‘ Hoffnung auf die freie Tat,
Stell ich voll Freude mir das Ende vor.

4.
Was hab ich auf den Fahrten um die Welt,
Der Suche vieler Jahre voller Hoffen,
Denn anderes als einen Geist getroffen,
Dem nie Erfolg und Glück sich beigesellt.
Was Wunder, dass mein Herz empor nun schnellt,
Denn zum Verderben liegt der Weg mir offen.

5
So wie ein Kranker, den der Tot schaut an,
Fast eine Leiche, die die Tränen steigen
Und dann versiegen fühlt, wenn sich die Freunde neigen
Und hört, wie einer tritt heran
Und sagt, geht, atmet frei, dies Leben ist vertan,
Das Urteil ist gefällt, wir wollen schweigen.

6
Doch andre sorgen noch, ob wohl sein Sarg
Noch Raum im Haine bei den andern fände,
Und welcher Tag bestimmt sei seinem Ende.
Gerührt, dass ihm das Glück so treue Freunde gab,
Wendet der Kranke, der dies hört, sich ab
Und hofft, dass sich sein Leiden nicht zum Guten wende.

7
Auf meinem Weg ertrug ich manches Leid
Und hört‘, dass schon mein Scheitern war besprochen
Wie das der andern, die einst aufgebrochen
Zum dunklen Turm zu reisen vor der Zeit.
Wie sie zu scheitern war ich nun bereit.
Doch war ich wert, an seine Tür zu pochen?

8.
Verzweiflungsstill lies ich den Krüppel stehn
Und folgte seinem Wink der Ödnis zu.
Abseits der Straße war ich nun im Nu.
Der trübe Tag schickte sich an zu gehn.
Grad war ein roter Schimmer noch zu sehn,
Dann lag die Ebene in stiller Ruh.

9.
Doch halt! Kaum hatte ich den Pfad gefunden,
Hatte den Fuß auf jenen Weg gesetzt,
Und hielt nun ein, wollt einen Blick zuletzt
Zur Straße senden – doch sie war verschwunden.
Nur Wüste füllt‘ des Horizontes Runden,
Nichts hielt mich auf, das Ziel war mir gesetzt.

10.
Ich ging voran. Wohl sah mein Auge nie
Verdorb‘nere Natur, des Adels ganz beraubt.
Nicht Baum, nicht Blume hob hier stolz das Haupt,
Nur Trespen, Wolfsmilch brüsten sich, nur sie
Sind heimisch fern der sanften Harmonie,
Wo selbst die Klette als Trophäe taugt.

11.
Nein! Dieses Land in karger Trägheit nur
Zeigt sein Gesicht zur Fratze arg entstellt.
„Schau, oder schließ die Augen“ gellt
Der Ruf selbst der verdrossenen Natur.
„Dies taugt zu nichts, nur Feuer kann die Flur
Am jüngsten Tag verglühn und läutern meine Welt.“

12.
Reckt‘ eine dürre Distel je das Haupt
Höher empor als seiner Brüder Schar,
Aus Eifersucht ward sie geköpft; fürwahr,
Was riss die Löcher in des Ampfers Laub?
Das Grün fiel einer Bestie zum Raub
Die bestialisch Feind der Hoffnung war.

13.
Dünn wie lepröses Haar, so wuchs das Gras.
Bleich ragten Halme einsam aus dem Kot,
Der wie mit Blut durchmengt; wie tot
Steht blind und lahm ein Gaul, nicht wissend was
Mit ihm geschah, noch eben fraß
Er faul sein Gnadenbrot in Satans Aufgebot.

14.
Ob er noch lebt? Fast scheint er tot zu sein,
So starr der Hals, im Maul nur faule Zähne
Das Aug‘ geschlossen unter seiner Mähne
Er ist abscheulich, aber voller Pein,
Doch wer so leidet, muss auch schuldig sein.
Wann sah ich je ein Tier, dass ich verdorben wähne?

15.
Nach innen blickt ich und vergaß die Zeit.
Wein stimmt vor einem Kampf die Seele wilder,
So bat ich jetzt um ältre, froh‘re Bilder
Aus einer Zeit, als ich noch nicht bereit,
Für diese Fahrt, der Ritterkunst geweiht.
Das Licht der alten Zeit färbt alles milder.

16.
Doch dieses nicht! In gold‘ner Locken Pracht,
Cuthberts Gesicht erscheint mir, lustentbrannt,
Aufs Lager wirft er mich gewandt,
Und tut mit mir, was stets er gern gemacht.
Vergäß‘ ich nur die Schande dieser Nacht!
Die Liebe weicht – hätt‘ ich ihn nie gekannt.

17.
Dann also Giles, dort steht er, stets gerecht
So unbeschwert wie einst, als er gefreit,
Zu jeder noblen Tat, sagt er, bereit.
Die Szene wandelt sich, und pfui, der Henkersknecht
Sagt aller Welt, dass er gehandelt schlecht.
Von seinen Freunden niemand ihm verzeiht.

18.
So ist das Jetzt doch besser als das Einst,
Zum dunklen Weg mein Sinnen kehrt zurück.
Wo Ton nicht, noch Gestalt sich zeigt dem Blick.
Ob eine Fledermaus den Pfad mir weist?
Lebt auf der kahlen Ebene kein Geist,
Der mich begleitet auf ein kleines Stück?

19.
Da kreuzt ein kleines Bächlein meinen Pfad,
So unerwartet wie die Schlange zuckt.
Kein Tümpel, der sich träge duckt
Doch munter strömend grade recht als Bad
Dem sich der Feind mit heißer Hufe naht
Dass alles spritzt und Schaumfontänen spuckt.

20.
So zierlich und doch so verhängnisvoll!
Klein und verkümmert beugen Erlen sich über den Bach,
Und dürre Weiden tun es ihnen voll Verzweiflung nach,
Als suchten sie den Gnadentod aus stillem Groll.
Der Bach, der abverlangt solch‘ harten Zoll,
Fließt weiter unbeirrt von dieser Schmach.

21.
Voll Furcht bin ich durch diesen Bach gegangen
Mein Fuß könnt streichen eines Toten Wange
Und dass in seinem Haar und Bart die Stange
Mit der ich stake, könnte sich verfangen.
Was zuckte dort am Grund, waren es Schlangen?
Fast schien es mir, ein Säugling weinte bange.

22.
Am andern Ufer hofft‘ ich frohgemut
Ich hätte nun ein bess‘res Land gewonnen,
Doch diese Hoffnung ist mir schnell zerronnen.
Wer focht‘ hier welchen Krieg, vergoss sein Blut,
Zerstampft‘ zum Sumpf den Acker voller Wut –
Hier war Natur zur Bestie verkommen.

23.
Was hielt in diesem grausen Rund sie fest,
Wo doch das Land sich flach um sie erstreckt.
Wurde die Mordlust wohl durch ein Gebräu geweckt,
Das ihnen den Verstand geraubt voll List?
So, wie der Türke zum Vergnügen Jud und Christ
Gegen einander hetzt, bis Erde sie bedeckt.

24.
Doch nicht genug, dort harrt der nächste Fluch,
Ein Ding, zu welchem bösem Zweck bestimmt –
Ist‘s eine Egge , die den Menschen nimmt
Und flach ihn walzt so wie ein Seidentuch?
Auf Erden unbekannt, von Höllenruch,
Zähne aus Stahl, wohl dem, der ihr entrinnt.

25.
Dann kam zu einer Rodung ich, einst Wald,
Dann Sumpf, jetzt kahles Feld, der reine Hohn,
Als spielt‘ ein Narr, für keinen Zweck noch Lohn,
Erschafft – und lässt es dem Verfall, bis bald
Sein Sinn sich wendet und davon er wallt.
Wohin man blickt: nur Lehm und Trümmer, Sand und Mohn.

26.
Gestrüpp gedeiht hier, fröhlich, frech und wild,
Moos und dergleichen wachsen frei heran,
der dürre Boden ist längst abgetan.
Dann eine Eiche, deren Leben quillt
Aus einem Spalt im Stamm, das traurig Bild,
Des Sterbenden, der nicht mehr leben kann.

27.
Ich sorge, ob die Reise je ihr Ziel erreicht,
Der Weg wird kärglich nur erhellt vom Abendschein,
Nichts, das dem Fuß die Richtung weist, allein
Der schwarze Vogel dort, Abbadon gleich
Schwebt drachengleich vorbei, sein Flügel leicht
Den Hut mir streift – mag er mein Führer sein?

28.
Ich hob den Blick, erschrocken, was ich sah.
Was mich umgab, war keine Wüste mehr.
Wild ragten Berge auf rund um mich her –
Scheußliche Höh‘n, jeglichen Liebreiz‘ bar
Ein Wunder war‘s, dass solches möglich war.
Sie zu erklimmen schien mir allzu schwer.

29.
Das Missgeschick, das heut‘ mich hier befiel,
War mir wohl halb vertraut, doch wo und wann
Erlitt ich es, in einem bösen Traum? Zerrann
Die Hoffnung, führt kein Weg zum Ziel?
Die Falle schnappte zu im Lebensspiel
Hier in der Grube endet es sodann.

30.
Da überfällt es mich wie Feuersbrunst,
Dies war der Ort! Die mächt‘gen Berge dort
Zwei Bullen gleich, verkeilt im blut‘gen Sport,
Und links die kahle Kuppe – welcher Dunst
Nahm dir, dementer Greis, nur die Vernunft.
Dein ganzes Leben suchst du diesen Ort!

31.
Was andres als der Turm ragt aus dem Tann,
Blind wie das unbestirnte Himmelszelt
Kein and‘rer gleicht ihm auf der ganzen Welt.
Im Sturm zeigt so wohl der Klabautermann
Dem Seemann das gefährl‘che Riff erst dann
Wenn schon des Schiffes Rumpf daran zerschellt.

32.
Du siehst ihn nicht? Ist es zu dunkel nun?
Der Tag kehrt wieder und behebt die Not,
Flackernd durch einen Spalt fällt Abendrot.
Wie Riesen auf der Pirsch die Hügel ruhn,
Gelassen kommentieren sie das Tun –
„Stoß zu und gib der Kreatur den Tod.“

33.
Du hörst nicht? Ist die Luft nicht voller Schall,
Wie eine Glocke dröhnt es in der Runde
Und gibt von all den anderen die Kunde,
Die stark gewesen sind, des Glückes Widerhall,
Und doch am Ende alle gleich, verloren all‘.
Nach Jahr‘n des Leids schlug ihre letzte Stunde.

34.
Und alle waren da, ein Heldenfries,
Wie‘s meiner letzten Stunde mochte frommen
Als Zeugen, wie das Leben mir genommen,
Wie eine Feuerwand, die mir die Richtung wies.
Furchtlos setzt‘ ich das Slughorn an und blies
Jung Roland ist zum dunklen Turm gekommen!

Übersetzung © Joachim Bartholomae 2018

[1]     „Aber“, unterbrach sich der Offizier, „ich schwätze, und sein Apparat steht hier vor uns. Er besteht, wie Sie sehen, aus drei Teilen. Es haben sich im Laufe der Zeit für jeden dieser Teile gewissermaßen volkstümliche Beschreibungen ausgebildet. Der untere heißt das Bett, der obere heißt Zeichner, und hier der mittlere, schwebende Teil heißt die Egge.“ (Kafka, „In der Strafkolonie“)
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/05/07/die-wiedergefundene-textstelle-childe-roland-to-the-dark-tower-came/

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