Die schönsten Filme, die ich kenne (69): „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“

Das hochamüsante Science-Fiction-Kino der amerikanischen Nachkriegszeit* ist längst nicht so hochgeachtet wie ähnlich weit zurückliegende Strömungen: der Film noir, die Nouvelle Vague oder der Poetische Realismus. Auch innerhalb der Popkultur walten schließlich Dünkel und Hack-Ordnung. Der Hauptvertreter dieser Gattung hat heute zumindest als Trivialfilmer Klassikerstatus: Jack Arnold. Seinem „Incredible Shrinking Man“ sind zahlreiche ernsthafte philosophische Analysen gewidmet worden; das ist die feine intellektuelle Art, wiederwillig eine gewisse Wertschätzung für einen B-Film auszudrücken.

Auf einer Bootsfahrt gerät Robert Scott Carey in eine radioaktive Nebelbank. Sechs Monate später hat er den Vorfall fast vergessen, da beginnt er langsam zu schrumpfen! Die Ärzte sind machtlos. Frustriert vom fortschreitenden Missverhältnis zu seiner Frau Louise, sucht er Trost bei einer Liliputanerin. Doch er verkleinert sich weiter und kehrt nach Hause zurück. Als Carey nur noch daumengroß ist, bezieht er ein Puppenhaus. Schließlich flieht er vor der noch immer im Haushalt lebenden Katze in den Keller und wird von Louise für tot gehalten. Dort unten muss er gegen eine Spinne kämpfen – und sich insgesamt neu erfinden.
In dieser zunehmend grotesken Umgebung gewinnt er neues Selbstvertrauen. Seine Furcht, er würde sich restlos auflösen, erfüllt sich jedenfalls nicht. Mit dem weihevollen Gefühl, eine neue Welt zu betreten, verabschiedet er sich in den Mikrokosmos.

Man ahnt es schon bei dieser kurzen Inhaltsangabe: in diesen Science-Fiction-Reißer – der dritte Akt ist wirklich schaurig – ist viel Subtext eingeflossen. Dafür sorgte Richard Matheson**, der die Verfilmungsrechte seines Buches nur unter der Bedingung hergab, auch das Drehbuch schreiben zu dürfen.
Noch ehe ich seine Erzählung in die Finger bekam, las ich in einem Artikel von Bodo Traber über die Szenen, die es aus verschiedenen Gründen nicht in die Verfilmung geschafft haben – teilweise war die Filmtechnik 1957 noch nicht weit genug, teilweise die sittliche Verfasstheit. Als ich die Beschreibung dieser Szenen las, kamen sie mir vertraut vor, fast so als hätte ich sie tatsächlich gesehen. Sicher sind es diese Zwischentöne – wie z. B. die Unzuverlässigkeit unserer vertrauten Umgebung, die Monstrosität, die darin lauern kann -, die mich den Film immer wieder anschauen ließen. (Auch „Edward mit den Scherenhänden“ hat ein wenig von dieser Qualität.)

„The Incredible Shrinking Man“ fällt im Werk von Jack Arnold etwas aus dem Rahmen. Die Handlung erstreckt sich über Jahre, und es gibt darin kein mutiertes Horrorwesen, das sich über eine Wüstenstraße näherschiebt – es ist die Normalität, die bedrohliche Formen annimmt. Das Fiasko bricht nicht über die Bevölkerung einer Stadt herein oder bedroht gar den gesamten Planeten. Es trifft einen einzelnen (vereinzelten) Menschen, dem auch das sonst gern zuhilfekommende Militär nicht helfen könnte. Seine liebende Frau sagt ihm einen der trostlosesten Sätze, die es gibt: „Liebling, du bildest dir das alles nur ein!“

Das offene Ende war seinerzeit zuviel für mein Teenagergemüt.*** Doch ich konnte es nicht vergessen und wollte den Film immer wieder sehen. Als der Held in der Schluss-Einstellung in die Weite des Sternenhimmels hinaufblickt, der ihm so fern ist wie noch nie, flüchtet er sich in einen philosophischen Epilog. Der charismatische Grant Williams, der in den vielen schwierigen Szenen ohne Spielpartner vollkommen überzeugt, ist in der Filmgeschichte gleichwohl ein „Shrinking Man“ geblieben. (Jack Arnold setzte ihn einmal effektvoll als missratenes Früchtchen in einem Western ein.) Ein bisschen tröstet Williams wohl auch sich selbst, wenn er mit den Worten schließt: „Im ewigen Kreislauf der Dinge gibt es kein Nichts!“
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/10/14/miss-froy-und-das-paranoia-kino/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/05/20/die-wiedergefundene-textstelle-mathesons-boeser-knopf/ und https://blog.montyarnold.de/2014/11/20/bart-simpsons-siamesischer-zwilling/
*** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/10/07/drei-geschichten-ueber-den-cyberspace

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