Wo nie ein Taktstock zuvor gewesen ist – Der Komponist Bernard Herrmann (3)

Fortsetzung vom 4.7.2018

betr.: „Citizen Kane“

Aus seiner Hörspiel-Arbeit übernahm Herrmann außerdem den im Film noch ungebräuchlichen Einsatz allerkürzester Musikpassagen von 5- bis 10sekündiger Länge oder einzelner Akkordakzente (eine Methode, die er später in seiner TV-Arbeit perfektionierte und die danach dort Usus wurde.)
Zwei Hauptthemen dominieren die Partitur von „Citizen Kane“: dem „Rosebud“-Motiv steht das dräuende Thema von Charles Foster Kane gegenüber. Zweiteres gemahnt mit seinen Dies-Irae-Bezügen an Rachmaninoffs Tondichtung „Die Toteninsel“. Für die Premierensequenz im Chicagoer Opernhaus schrieb Herrmann eine Bravour-Arie im Stil von Richard Strauss, die das fiktive Musikdrama skurrilerweise eröffnet und abschließt.* Sie darf von ihrer Interpretin aus inhaltlichen Gründen nur unsachgemäß vorgetragen werden. Dieses Manko hat die junge Kiri Te Kanawa inzwischen auf einer Schallplattenaufnahme ausgeglichen.**
Welles hatte drei Monate Zeit, diese Partitur auszuarbeiten, zwei Wochen wurden der Bild-Musik-Abmischung gewidmet. Obwohl allgemeine Einigkeit darüber herrscht, dass der Soundtrack zu „Citizen Kanes“ Status als einer der besten Filme aller Zeiten beigetragen hat, wurde er in der deutschen Synchronfassung fast vollständig durch Archivmusik ersetzt.

Herrmann beschloss, sich in Hollywood niederzulassen und hatte sich über einen Mangel an Aufträgen nicht zu beklagen.  Der ehemalige Max-Reinhardt-Assistent und UFA-Stummfilmdarsteller William Dieterle buchte ihn für seine Regiearbeit „The Devil And Daniel Webster“. Dafür verlegte er die Grundidee des „Faust“ ins ländliche New Hampshire. Einem Farmer setzen Hagelstürme und Missernten derart zu, dass er einen Pakt mit dem Teufel (gespielt von Walter Huston) schließt: als Gegenleistung für sieben fette Jahre verkauft er ihm seine Seele.
Für diese folkloristische Filmmusik erhielt Herrmann seinen einzigen Oscar. Als Kabinettstückchen auf Samplern hat sich daraus vor allem die Schlittenfahrt erhalten, aber auch der düster lastende Mephisto-Walzer und der furiose Square-Dance „Swing Your Partners“ fanden Eingang in eine Suite, die von Eugene Ormandy und Leopold Stokowski in den Konzertsaal mitgenommen wurde.
1942 kam es zur zweiten und letzten Arbeit für Orson Welles. „The Magnificent Ambersons“*** zeigt das neu entdeckte Jungtalent bereits am Abgrund: er hat es sich mit Hollywood verscherzt und wird den Rest seines Lebens damit zubringen, als Regisseur aus dem Schatten seines „Citizen Kane“ heraustreten zu wollen.
Der Film erzählt vom Niedergang des Großbürgertums am Ende des 19. Jahrhunderts*** und wurde nach einem Streit mit der Produktionsfirma von 131 auf 88 Minuten gekürzt. Einmal mehr parodiert Bernard Herrmann Emil Waldteufel, diesmal in Form von Variationen seines Walzers „Toujours ou jamais“ (Immer oder nimmer). Dazu bröckelt die aristokratische Fassade einer Gesellschaft, die den Siegeszug des Automobils nicht wahrhaben will.
Die populärsten Stücke seiner beiden Arbeiten für Orson Welles fügte der Komponist zu einer Suite mit dem Titel „Welles Raises Kane“ zusammen, die Sir Thomas Beecham bereits 1942 mit dem CBS-Orchestra vorstellte.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2016/12/24/der-song-des-tages-salaambos-aria/
** Dies geschah im Rahmen einer Filmmusik-Reihe. Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/02/06/hollywoods-karajan-hollywoods-george-martin/
*** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/06/22/die-wiedergefundene-textstelle-24-der-glanz-des-hauses-amberson/

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