„Zurück zu Sali und Vrenchen … (Stöhnlaut)“

betr.: 128. Todestag von Gottfried Keller

Gestern abend hatte ich ein Kneipengespräch, in dem einmal mehr die These aufgestellt wurde, die Schule würde uns gerade jene Kultur lebenslänglich vermiesen, die sie uns laut Lehrplannahezubringen hat. So zahlreich auch in meiner Wahrnehmung die Indizien dafür sind, so wenig kann ich dieser Ansicht grundsätzlich zustimmen.
Ich fürchte, der üble Nachgeschmack der durchgekauten Musikwerke, Theaterstücke und Leseerlebnisse liegt in seiner schauerlichen Auswahl begründet. Sowohl „Andorra“ von Max Frisch als auch Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ habe ich als reiferer Mensch auf der Bühne wiedergesehen, und ich fand sie mit dem zeitlichen Abstand der Jahrzehnte ebenso von Herzen fade, verquast und überflüssig wie zuvor – unabhängig von den Qualen der Lektüre im Unterricht. Meine lebenslange Lähmung angesichts der vokalen Arbeiten Wolfgang Amadeus Mozarts mögen in der schulischen Behandlung seiner „Entführung aus dem Serail“ ihren Auslöser haben, die Gründe dafür liegen sicher woanders. Im übrigen war in der Schule ja nicht alles schlecht. Wir lasen auch Sempé und Alfred Andersch und hörten Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Auch für meine erste Begegnung mit den Jazz-Features von Joachim-Ernst Berend war und bleibe ich dankbar. (Zumal Berend die erfrischende Feststellung tat und belegte, dass Mozart nicht swingt! Im Musikunterricht!)

Das lichtlose kulturelle Angebot auf unserem Lehrplan bot den Lehrerinnen und Lehrern außerdem die Möglichkeit, uns kleine Kekse als Individuen zu behandeln, sich ein wenig zu uns ins selbe Boot zu setzen. Ich hatte eine Deutschlehrerin, die ich ganz wunderbar fand: Frau Wolf. Sie hatte mit uns ein besonders dumpfes Taschenbuch durchzublättern: „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Gottfried Keller. Sie tat das auch in aller gebotenen Ausführlichkeit, machte aber aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Das habe ich ungemein bewundert, und mein Wunsch, zwanzig Jahre älter zu sein, um mit ihr ins Kino oder ins Theater gehen zu können, wuchs bis an die Sehnsuchtsgrenze.

Spätestens, als ich selbst Dozent für Musicalgeschichte wurde, wäre mir die Idee, alles im Unterricht vorgestellte müsste den nachhaltigen Unmut der jungen Leute erregen, ohnehin auf die Füße gefallen. Das meiste davon liebte ich, aber ich ersparte der Klasse freilich auch die kulturellen Verkrüppelungen der Jahrtausendwende nicht. Einmal ermahnte mich meine Fachbereichsleiterin, es sei doch schmückend, wenn man im Unterricht über meinen persönlichen Geschmack spekulieren müsse.  Ich möchte dagegenhalten, dass es mir nie darum ging, meine Meinung anderen überzustülpen. Ich möchte für die Wonne werben, überhaupt eine persönliche Meinung zu haben. Und dazu ist unerlässlich, sich dies und jenes erst einmal anzuschauen. Man muss die Kultur lieben, um das zu wollen und überhaupt so empfinden zu können – vielleicht nicht als Grundschüler, aber in jedem Fall als junger Künstler.
Frau Wolf hat das auch getan. Deshalb wäre ich so gern mit ihr ins Kino gegangen.

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