Keine Vorkenntnisse nötig – Die Wirkung der gelungenen Parodie (1)

Eine gute Parodie funktioniert auch ohne Kenntnis des Originals. Niemand glaubt es mir, aber es hat sich in meinem Kabarett-Jahren immer wieder bestätigt. Ich lernte es am Beispiel einer mehrschichtigen Darbietung von Peter Sellers. Der berühmte Radio- und Filmkomiker befand sich in einer längeren kreativen und kommerziellen Talsohle, als er 1967 auf einer Fernsehgala zu Ehren der Beatles auftrat. Er gab „A Hard Day’s Night“ zum Besten, aber nicht als Peter Sellers sondern als  Sir Laurence Olivier, der Richard III. spielt. Als ich diese Aufnahme zum ersten Mal auf Radio Luxemburg hörte, hatte ich den Beatles-Song schon zur Kenntnis genommen (das Phänomen Beatles noch nicht), wusste aber nichts von Shakespeares Königsdramen und erkannte Peter Sellers nicht (da er mir bisher nur mit Synchronstimme begegnet war). Ich konnte auch nicht sehen, wie beknackt er in der Fernsehshow ausgesehen hatte. Trotzdem bekam ich einen der nachhaltigsten Lachanfälle meiner Jugend – nur vergleichbar mit dem nach der Lektüre meines ersten „MAD“-Heftes. Sogar, als meine Erinnerung allmählich verblasste, denn weder ich noch mein Cassettenrecorder waren auf die Ausstrahlung dieser Preziose vorbereitet gewesen, trieb mich diese um, brach noch Tage später immer wieder hervor.
Als ich den Song mehr als 30 Jahre später endlich wiederhörte, wusste ich auch mit ihrem anspielungsreichen Tiefgang umzugehen. Ich lachte wieder lang und tränenreich – aber nicht mehr als beim ersten Mal. Schon da hatte ich deutlich gespürt: dieser Wahnsinn hat Methode. Das auslösende Moment solchen Humors liegt in dieser intuitiv übermittelten Gewissheit, nicht etwa in der Freude darüber, eine Anspielung verstanden zu haben. Das geschieht erst  einen Augenblick später, und dann hat die Pointe schon gezündet (oder eben nicht, weil man schlicht einen anderen Humor hat). Darüber lacht man dann nicht mehr, sondern gackert nur, damit das restliche Publikum nicht denkt, man hätte den Witz nicht kapiert.

Ähnlich erging es mir mit „Parker, Well Done“, einer kleinen Musicalnummer auf dem Soundtrack zu „The Thunderbirds“.* Ich hatte die Serie nie gesehen (sie war lange Zeit hierzulande praktisch nicht aufzufinden), und trotzdem entzückte mich dieses musikalische Mini-Drama über Lady Penelope, die mit ihrem Butler Parker eine Spazierfahrt macht und bei dieser Gelegenheit ein paar feindliche Agenten zur Strecke bringt. Ich habe die Nummer sofort in mein Repertoire aufgenommen und sie meinem (ebenfalls ratlosen) Publikum vorgespielt, als möglichst präzise Imitation – mit Erfolg.

Ich glaube, wir alle kennen einige Beispiele für eine Parodie, die wir vor ihrer Vorlage angetroffen haben, um erst viel später die Einzelheiten zu begreifen. Das gilt besonders für jene von uns, die mit der Serie „Die Simpsons“ aufgewachsen sind. Jedenfalls wird mir solches immer mal wieder erzählt. Und es ist jedesmal erstaunlich, wie gut sich die noch unverstandenen Parodien eingeprägt haben, bis es endlich zur „Auflösung“ kam.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vicit“.

_________________
* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2016/07/18/barry-well-done/

Dieser Beitrag wurde unter Buchauszug, Fernsehen, Film, Kabarett und Comedy, Medienkunde, Medienphilosophie, Mikrofonarbeit, Monty Arnold - Biographisches, Musik, Popkultur abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>