Woody muss draußen bleiben

betr.: Feuilletonistische Echos auf den 100. Geburtstag von Ingmar Bergman (am 14. Juli)  / „Im Labyrinth der Seelen – Eine Lange Nacht über Ingmar Bergman“ (Deutschlandfunk)

Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre es undenkbar gewesen, eine seriöse Würdigung Ingmar Bergmans anzufertigen, ohne Woody Allen hinzuzuziehen, seinen prominentesten Verehrer und gewiss denjenigen seiner Schüler, dessen Werk das große Vorbild auch anzusehen ist. Einige Allen-Filme sind komplett im Bergman-Stil gehalten. Bekanntlich darf man aber den Namen Woody Allen zurzeit nicht in den Mund nehmen – für die bewährte „Bild“-Gerichts-Hellseherin Alice Schwarzer ist er ja sogar „schlimmer als Weinstein“.
Also beginnt der Mercedes unter den zahllosen Gratulationsbemühungen zu „100 Jahre Ingmar Bergman“ – die dreistündige „Lange Nacht“ im „Deutschlandfunk“ – nicht mit Woody Allen, sondern mit einer etwas auswendig gelernt wirkenden Grußbotschaft von Martin Scorsese. Und bis zuletzt: kein Wort von Woody. Das wirkt geradezu skurril, zumal das folgende hochspannende und sehr ausgewogene Feature den Geehrten selbst als sexuellen Hochneurotiker offenlegt – was unbestreitbar zur Relevanz seiner Filmkunstwerke beigetragen hat. Wenn man sich diese Wechselwirkung klarmacht, wirkt die Allen-Vermeidung umso krampfhafter.

Der „Stern“* berichtete vor wenigen Wochen, Moses Farrow beschuldige seine Adoptivmutter Mia, die Drahtzieherin hinter den seit 26 Jahren schwelenden und bis heute unbewiesenen Vergewaltigungsvorwürfen gegen Woody Allen zu sein und bereue die öffentliche Beschuldigung seines Vaters, die sein wortgewaltigerer Bruder als Journalist emsig befeuert hatte. (Wie wir uns erinnern, hatte Mia Farrow ja auch ein solides Motiv.) Nicht, dass diese Neuigkeit irgendein weiteres Echo gehabt hätte. Auch die großen Feuilletons erwähnen – mit Ausnahme der „Welt“ –  Woody Allen im Zusammenhang mit dem Bergman-Jubiläum tunlichst nicht, wobei ihnen zu Hilfe kommt, dass Margarethe von Trotta mit perfektem Timing eine Bergman-Doku ins Kino bringt. Ihre Anmerkungen zum eigenen Film (und damit auch zu Ingmar Bergman)  überdecken diese Auslassung.

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* „Stern“ vom 30.5.2018

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