Heiße Wollust, kaltes Grauen

betr.: 154. Geburtstag von Frank Wedekind

Dass Autoren die von ihnen erzielten Tantiemen aus Gründen historischer Verschleppungen nicht selbst kassieren können, ist ein vertrautes Motiv in der Geschichte der Weltliteratur. Frank Wedekind kam noch einige Jahre in den Genuss seines Erfolges, ehe ihn ein recht früher Tod ereilte. In der Hochphase des Wilhelminischen Deutschlands brachte er Onanie-Szenen und andere Schlimmheiten auf die Bühne, was ihn damals zum Skandal-Autor und Skandal-Darsteller machte. Inzwischen ist er freilich längst in den bildungsbürgerlichen Kanon aufgenommen worden. Aus Anlass seines 100. Todestages im März verblüffte mich der NDR gar mit der Einordnung: „Heute wissen wir, dass Frank Wedekind der wichtigste Dramatiker seiner Zeit war – noch vor Gerhart Hauptmann, in dessen Schatten er damals stand.“
Sich selbst hat er auf die Frage „Ihre Idee vom Glück?“ geantwortet: „Seinen Anlagen gemäß verbraucht zu werden“.

Frank Wedekind ist uns heute vor allem als Dramatiker gegenwärtig und zweitens als ein Wegbereiter der modernen deutschen Literatur. Seine Stücke „Die Büchse der Pandora“, „Lulu“ und „Der Marquis von Keith“ gehören seit mehr als 100 Jahren zum Grundrepertoire deutscher Dramatik. „Frühlings Erwachen“ wurde 2006 zu einem erfolgreichen Broadway-Musical verarbeitet. Aber Wedekind hat auch Gedichte und Erzählungen geschrieben. In seinen Anfängen standen die Gattungen Lyrik / Epik / Dramatik gleichberechtigt nebeneinander. Seine wichtigsten Erzählungen, die wie die Stücke autobiographische Anteile enthalten, erschienen 1897 in dem Band „Die Fürstin Rusalka“.

Wedekinds Vater Friedrich Wilhelm war nach der gescheiterten Märzrevolution 1848/49 in die USA emigriert, wo er als Grundstücksspekulant ein beträchtliches Vermögen erwarb. In dieser Zeit heiratete er Emily Kammerer, die Tochter Jacob Friedrich Kammerers, des Erfinders der Streichhölzer. Kurz nach ihrer Remigration nach Deutschland kam Frank Wedekind, zweites von insgesamt fünf Kindern, 1864 als Benjamin Franklin Wedekind in Hannover zur Welt. Als er acht Jahre alt war, übersiedelte die Familie aus Protest gegen das neugegründete Deutsche Reich 1872 in ein Schloss im schweizerischen Aargau. Friedrich Nietzsche sprach damals von der „Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des Deutschen Reiches“.
Frank Wedekind studierte zunächst deutsche und französische Literatur in Lausanne, dann auf Drängen des Vaters Jura in München. Als der Vater kurze Zeit später starb, errang der Sohn finanzielle Unabhängigkeit, brach das Studium ab und arbeitete in verschiedenen Berufen, u. a. als Werbetexter für die Firma „Maggi“, als Zirkussekretär und als Journalist (so auch als Mitbegründer der berühmten Satirezeitschrift „Simplicissimus“*), bis er schließlich freier Schriftsteller wurde. In Leben und Werk rebellierte er gegen die Doppelmoral des Bürgertums.

Wedekind hielt den vorherrschenden Naturalismus für „die Wurzel allen Übels“ und haderte mit der Aufführungspraxis an den Theatern seiner Zeit.
Er schrieb seine Stücke als Kritik am bürgerlichen Heldenleben und an moralischen Konventionen. Sie wurden von der Zensur verfolgt, was ihnen allerdings auch Popularität einbrachte, und waren so unzeitgemäß, dass erst in seinem 43. Lebensjahr endlich der Erfolg – auch der materielle – eintrat.
1906 führte Max Reinhardt Frank Wedekinds 15 Jahre zuvor entstandenes Stück „Frühlings Erwachen“ an den „Berliner Kammerspielen“ auf. Es wurde das meistgespielte Stück der Reinhardt-Ära, ein triumphaler Erfolg, der den Autor zu einem der führenden Dramatiker des Landes machte. Zu diesem Zeitpunkt waren fast alle seine Stücke schon geschrieben, aber keines mit Erfolg aufgeführt. „Musik“ oder „Der Kammersänger“ harren bis heute ihrer Entdeckung. In letzterem spricht er von eigenen Erfahrungen, wenn er den alternden Komponisten sagen lässt: „Sie kennen ja unsere Nationaltheater. Das sind Festungswerke, kann ich Ihnen sagen, gegen welche die Bepanzerungen von Metz und Rastatt Botanisierbüchsen sind. Lieber graben sie zehn Leichen aus, als dass sie einen Lebendigen einlassen.“

Zu Beginn des Krieges hielt Frank Wedekind eine flammende Rede mit dem Titel „Deutschland bringt die Freiheit“ mit bis heute irritierenden nationalistischen Untertönen.
Sein Freund Heinrich Mann schrieb über ihn: „Er hat in seinen Stücken vorweggenommen, was erst noch kommen sollte. Niemand in der ganzen Welt glaubte weniger an den Frieden unter den Menschen als Frank Wedekind. Ob es ihm dabei wohl oder wehe war, er sah nur Kampf, fühlte nur das immer atemlosere Gewühl des Kampfes, im Lande wie in seinem Herzen. Der ganze Anfang des Jahrhunderts sprang, kaum dass es in der Wirklichkeit begonnen hatte, gewappnet aus seinem Kopf. Nirgends wie in seinen Stücken, können Sie mit Händen greifen, wie sehr das Leben jener Tage schon Krieg war, bevor es dann wurde, was es war.“
Dieser Krieg war noch nicht zuende – und Deutschland hatte keineswegs die Freiheit gebracht – als Frank Wedekind nach einer Blinddarmoperation starb.
In seinem Nachlass fand sich ein Gedicht mit dem Titel „Rückblick“, darin die Zeilen:

Und ward’s mit den Jahren wesentlich stiller
Mir selber pfeif‘ ich noch oft einen Triller
Im Genusse der höchsten Lebensgabe
Dass ich nie einen Menschen verachtet habe.
Nur mit einem lag ich in ewigem Streit:
Mit dem hohlen Götzen der Feierlichkeit.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/07/04/die-wiedergefundene-textstelle-das-ehepaar-krestoffer-herkrud/

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