Notlandung auf Suburbia

betr: Veröffentlichung der letzten Folgen von „Mein Onkel vom Mars“

Das überraschende Wiedersehen mit der Serie „Mein Onkel vom Mars“ nach über 40 Jahren war ein Freudenfest, ein belebend kühler Lufthauch in diesem mörderisch heißen Sommer, geradezu „aprilfrisch“, um ein Adjektiv der Zeit zu gebrauchen. Nicht zu fassen, aber dieses Comedy-Kleinod ist tatsächlich seit der Erstausstrahlung Mitte der 70er Jahre niemals wiederholt worden, und die wenigen späteren Hinweise auf seine Existenz (eine lieblose Zeichentrickserie und ein Kino-Remake) haben das Vergessen eher befördert.

MOVM3_FBDamals hätte man Kind sein müssen – mit so einem Onkel wie Ray Walston im Haus! (Pidax)

Der Zeitungsreporter Tim O’Hara lebt in der Vorstadt von Los Angeles. Eines Tages krabbelt ihm ein Marsmensch aus seinem bruchgelandeten Ein-Mann-Rumschiff heraus vor die Füße. Er heißt X-Igidius 12 ½ und ist 450 Jahre alt. Da er aber wie ein Fünfziger vom Planeten Erde aussieht, kann er als „Onkel Martin“ bei Tim unterschlüpfen, bis er sein Raumschiff repariert hat. (Glücklicherweise wohnt Tim über einer geräumigen Garage.) Natürlich darf niemand die wahre Identität des stets etwas verdießlich wirkenden Herrn erfahren, ganz besonders Tims schlichte Vermieterin Lorelei Brown und ihr noch schlichterer Verehrer nicht, der Polizist Bill Brennan. Onkel Martin hat ein paar Gaben, die wir heute als „Superkräfte“ bezeichnen würden: Telekinese, Gedankenlesen und – nachdem er seine Antennen ausgefahren hat – auch die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Er bastelt ständig an Erfindungen herum, die sein Inkognito gefährden und ihm Konflikte mit lichtscheuen Gesellen eintragen …

„Mein Onkel vom Mars“ ist blühender Blödsinn abzüglich des selbstgefällig-selbstreferenziellen Geätzes der Jahrtausendwende. Der ältlich-verkniffene Ray Walston (der mir wie eine menschliche Verkörperung von Onkel Dagobert vorkommt) bringt das Kunststück fertig, eine permanente Misanthropie zur Schau zu stellen, ohne dabei jemals schlechte Laune zu verbreiten. Er hat sein Raumschiff mit Sicherheit längst repariert und einfach keine Lust, diese knuffige Technicolor-Vorstadt-Idylle zu verlassen. (Jüngere Medienfans denken ja, dieser Look sei erst für die Serie „Mad Men“ entwickelt worden.) Kaum zu glauben, dass die Welt einmal so in Ordnung gewesen sein soll wie sie für meine Generation im deutschen Fernsehen ausgesehen hat. (In den USA startete die Serie in meinem Lieblings-Filmjahr 1963.) Ich musste bei diesen TV-Episoden  an das Wort von John F. Kennedy denken, nach dem alles Schlechte, was in den USA existieren mag, durch das Gute darin kuriert werden könnte. Das wäre heute ein überaus galliger Witz.

Die Drehbücher stammen großenteils von James Allardice, dem Moderationstexter für Hitchcocks Fernsehserie. Eberhard Storeck* hat die deutsche Synchronisation mit dem gleichen prächtigen Ensemble bestritten, das ihm auch bei „Die Biene Maja“ und „Die Muppet Show“ zur Verfügung stand. Bill Bixby wird von Berno von Cramm gesprochen, Ray Walston von Erich Ebert, der für Stroreck auch die Fistelstimme des Cartoon-Helden „Inspector Clouseau“ lieferte und im Film zumeist Nebenrollen bekleidete.
Storecks Dialogwitz balanciert zwischen Humanistischem Gymnasium und barem Nonsens und ist ideal für diese Steinzeit der amerikanischen Sitcom, als Coolness und grobe Schlüpfrigkeiten noch nicht in der Hausordnung standen. Was die deutsche Fassung dem Original objektiv voraus hat, ist das Fehlen der Lachkonserven.
Auf der ersten der drei Doppel-DVDs hat das Pidax-Label überdies ein kleines Wunder vollbracht. Da hierzulande nur die dritte Staffel zu sehen war (die einzige in Farbe), ist uns auch die Pilotfolge niemals gezeigt worden. Diese wurde für die DVD nachträglich synchronisiert. Die Kollegen haben den Sound der Zeit so perfekt getroffen,  wie ich es noch bei keiner Spät-Eindeutschung erlebt habe.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/03/13/ich-war-das-funkemariechen-des-medienbetriebs/

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