Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (1): „Dr. Knock oder Der Triumph der Medizin“

„Dr. Knock oder Der Triumph der Medizin“ nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jules Romains, Musik: Frank Duval, Bearbeitung und Regie: Heinz Günther Stamm – Produktion:  BR 1976 – c.a. 85 min. – Besetzung und weitere Infos unter http://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1476422

„Sollten Sie in einem Jahr nicht die Ihnen zukommenden 30.000 Franc Jahreseinkommen haben, sollte Ihre Frau in einem Jahre nicht mit den Kleidern, Strümpfen und Perlencolliers Ihres Standes versehen sein, dann – verehrter Freund – dann kommen Sie hierher, und ich werde in Demut meine beiden Backen Ihren gerechten Ohrfeigen hinhalten!“

Der blasierte Dr. Parpalaid hat inmitten der notorisch robusten Landbevölkerung wenig zu tun und sich dennoch recht gut aus der Affäre gezogen. Er verkauft seine wenig ertragreiche Praxis an den jungen Kollegen Dr. Knock. Obwohl er überzeugt ist, seinen Nachfolger bereits gründlich über’s Ohr gehauen zu haben, versucht er, ihm auch noch seinen moribunden Wagen aufzuschwatzen.
Dr. Kock – ein gewiefter Menschenkenner – geht unverzüglich daran, Kontakt zu den 12.000 Einwohnern der Gemeinde aufzunehmen. Bald hat er die meisten davon überzeugt, dringend medizinischer Versorgung zu bedürfen, denn: gesund ist nur, wer von seiner Krankheit nichts weiß. Das Volk fühlt sich ernstgenommen und durch die Verschreibung kostspieliger Medikamente aufgewertet – und selbstverständlich lässt sich Dr. Kock vom Apotheker eine ordentliche Provision zahlen. Mit suggestivpsychologischen Reklametricks und pseudohippokratischem Gefasel steigt er in Rekordzeit zum Guru auf.
Als Dr. Parpalaid von diesen Erfolgen hört, eilt er an seine alte Wirkungsstätte, um sie sich zurückzukaufen. Stattdessen erliegt auch er dem fürsorglichen Charme von Dr. Kock …

Im Gegensatz zu den weitaus populäreren Hypochondrie-Klassikern „Der eingebildete Kranke“ und „Schick mir keine Blumen“ (Grundlage einer berühmten Filmkomödie mit Doris Day und Rock Hudson) steht hier nicht der jammernde Patient im Vordergrund, sondern der Übeltäter, der eine beschwerdefreie, aber törichte Gesellschaft in einen Haufen jammernder Patienten verwandelt.
In Zeiten des Mangels an Landärzten bekommt diese Geschichte eine zusätzliche Dimension, aber sie bedarf ihrer nicht. Der geschliffene Wortwitz, dem Günther Ungeheuer, Hans Caninenberg und ein grandioses Ensemble Leben einhauchen, lässt uns irritiert ins Grübeln geraten, ob uns da nicht ein Klassiker jahrelang durchgerutscht sei. Weit gefehlt! Die satirische Komödie „Dr. Knock oder Der Triumph der Medizin“ von 1923 ist ebenso unbekannt wie ihr Autor Jules Romains (1885-1972), der neben seiner Theaterarbeit auch Lyrik und Romane schrieb.
Offensichtlich lassen sich die Menschen nicht nur in medizinischer Hinsicht gern in die Irre führen.

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