Was ist Kleinkunst?

Der Begriff „Kleinkunst“ gehört nicht (mehr) zum geflügelten Wortschatz und wird daher gern wörtlich genommen. So klingt er wie eine Herabsetzung (kleine Kunst, minderwertige Kunst …) und ist im einen oder anderen Fall auch so gemeint – unrichtigerweise.
1992 entstand unser heutiger „Comedy“-Begriff. Die Comedy gesellte sich zum Kabarett wie Jahre zuvor das Privatfernsehen zum öffentlich-rechtlichen. Auch das Kabarett wurde bei dieser Gelegenheit nicht gleich abgeschafft, bekam aber eine machtvolle Mitbewerberin, die es in Einzelfällen ablöste, verdrängte oder ersetzte.
In den letzten Tagen der Kabarett-Ära hatte das Wort „Kleinkunst“ (z.B. im Feuilleton, bei Funk und Fernsehen und in Veranstaltungskalendern) folgende wertfreie, tendenziell rühmliche Bedeutung: eine Kunst, die keine oder fast keine Hilfsmittel braucht, um einen großen Effekt zu erzielen. Bekanntlich kann ein Solo-Liederabend eine beglückende Wirkung haben, während wir uns in der prachtvollsten Ausstattungsoper u. U. schrecklich langweilen. Ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen Aufwand und Unterhaltungswert besteht nicht! (Ähnlich verhält es sich beim Blockbuster-Kino oder in der aktuellen Musical-Branche.) Das will der Begriff „Kleinkunst“ eigentlich aussagen.
Er wird lediglich auf die darstellende Bühnenkunst angewandt, also auf Kabarett, Chanson, Rezitation, Sketche.
Um die Jahrhundertwende war er weiter gefasst und bezeichnete außerdem kleinere Varieté-Disziplinen: Hundenummern, Jonglage, Zaubertricks u.ä., was inzwischen überholt ist. Der Gesetzestext wendet ihn noch immer in dieser veralteten Weise an, was dazu führt, dass es für Kabarettisten und Singer-Songwriter Jahre dauern kann, bis sie ihre Mehrwertsteuer-Befreiung erhalten. (Ich bekam sie zwölf Jahre nachdem ich mich von der Bühne zurückgezogen hatte und nahm sie dann nicht mehr in Anspruch.)
Ursprünglich – etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts – war „Kleinkunst“ die Sammelbezeichnung für kunsthandwerkliche Arbeiten des Altertums (Miniaturen, Statuetten, Geräte …), aber das ist reines Quiz-Wissen ohne jedweden praktischen Nutzen, Klugscheißerei gewissermaßen.

Mit dem Nachlassen seiner Gebräuchlichkeit bekam der Kleinkunstbegriff den eingangs beschriebenen abfälligen Klang. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch widmete ihm 1984 in seinem Soloprogramm „Und sie bewegt mich doch“ einen definitiven (definierenden) Monolog.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vicit“.

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