Was ist Inspiration? (1)

Der hochproduktive “Pulpsmith” Lester Dent* hatte 1936 Grund, sich über sich selbst zu ärgern: er formulierte eine etwas gönnerhafte Gebrauchsanweisung, wie man einen erfolgreichen Groschenroman schreibt und bekam dann hunderte von dankbaren Zuschriften; einige davon stammten von seinen Kollegen bzw. Konkurrenten, die ihm versicherten, mit seiner Hilfe ihren Output gesteigert zu haben. Doch Dent ließ nicht locker. Eine spätere, noch detailliertere Anleitung für junge Autoren kam am Ende auch auf das Thema Titelfindung zu sprechen (… und Dent war verdammt gut darin, Titel zu erfinden!):

Ihr könnt eure Titel bei Shakespeare finden. Jede beliebige Seite aus seinem Werk enthält ein Dutzend Titel. Aber konzentriert euch auf den Plot: lasst euren Helden niemals etwas tun, was ihr nicht selbst gern tun würdet! Wo bekommt ihr als Autoren eure Ideen her? Indem ihr alles klaut, was in Sichtweite kommt! So etwas wie Inspiration existiert nicht!
Natürlich hat Lester Dent mit seiner Anleitung nicht unrecht; sein apodiktischer Schlusssatz ist pure Koketterie – wie auch sein „Ärger“ über die famose Anleitung zum Erfolg seiner Kollegen Koketterie gewesen sein dürfte.
In einem Essay von 1981 hält Cadwiller Olden dagegen bzw. führt er weiter aus, wann und inwieweit „klauen, was in Sichtweite kommt“ und „Inspiration“ ein und dasselbe sind.

Niemand kann etwas ausscheiden, was er nicht zuvor verzehrt hat. Aber das Wenigste wird unverdaut ausgeschieden. Und außerdem besteht auch die primitivste Mahlzeit – bis hinab zu Pommes mit Majo oder einem Butterbrot – zumeist aus mehreren Zutaten.
Mit Inspiration verhält es sich ähnlich.
Die meisten von uns (die meisten Autoren der Gegenwart) haben ihr gesamtes Leben in einer friedlichen Welt verbracht und erleben nichts, was im Sinne einer
Aventure erzählenswert wäre. Die wenigsten derjenigen, die wirklich ein abenteuerliches Leben führen – Auslandskorrespondenten z.B. oder jene, deren gemütliche Pauschalreise außerplanmäßig in einen Alptraum mündet – machen daraus ein Drehbuch oder einen Roman. Hin und wieder verkaufen sie es an jemanden, der dann einen Tatsachenroman daraus macht, die zugrundeliegende „wahre Begebenheit“ betonend.

(Apropos: was dabei herauskommt, wenn man reihenweise Pauschalreisen zu Geschichten verarbeitet, auf denen alles planmäßig verlaufen ist, lässt sich an den TV-Krimi-Mehrteilern ablesen, die Herbert Reinecker in den 60er und 70er Jahren für das ZDF geschrieben hat …)

Große Geschichten setzen sich zumeist aus einer Vielzahl von Vorbildern und Anregungen zusammen, und je mehr davon ein Mensch in sich aufnimmt, desto kleinteiliger und handverlesener sind die Zutaten, desto größer ist seine kompositorische Eigenleistung. Und dann „verdaut“ er das Ganze ja auch noch, wenn diese etwas archaische Metapher ein letztes Mal erlaubt ist.

Soweit Cadwiller Olden in „Transvestit spielt Hosenrolle“. Auch Lester Dent macht zwischen den Zeilen überdeutlich, dass er verdammt viel (und nicht nur Shakespeare) gelesen hat. Und auch Shakespeare hat das seinerseits getan. Mein persönliches Lieblingsbeispiel – es gibttausend andere, ebensogute – für die Frische, die eine Geschichte aus einer Vielzahl von Vorbildern generieren kann, ist „Le pirate des abîmes“ von Leon Cimpellin**, in dem auch Shakespeare (als Vorbild eines von dessen Vorbildern) enthalten ist. Das ist wirkliche Beutekunst, und es ist gleichsam das Ergebnis höchster Inspiration. Ich sehe Mr. Dent lächeln, während ich dies schreibe … zustimmend natürlich.

(Forstsetzung am 5.11.2018)

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vicit“.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2018/09/14/fast-ein-retortenmensch/ und https://blog.montyarnold.de/2014/09/29/ueberflieger-von-ganz-unten-was-ist-pulp/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/01/07/die-schoensten-comics-die-ich-kenne-10-tom-patapom/

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