Riccardo Rinaldi – Ein Weltbürger in Fuxholzen

betr.: 48. Jahrestag der Veröffentlichung des Comics „Die beste Versicherung ist der Colt“, Teil 1/2 aus der Serie „Tom und Biberherz“ von Riccardo Rinaldi

Wer in den 70er Jahren Kind war, erinnert sich vermutlich der feschen Zeichnungen von Riccardo Rinaldi: die Süßigkeiten der Firma Storck waren in winzige Comics und Cartoons um den fetten, pinkfarbenen Bären Schleck und seine Freunde eingewickelt. Ich sammelte diese kleinen Kunstwerke mit Begeisterung und zerstörte sie allesamt, als ich eines Tages auf die Idee kam, sie zu bügeln. Da sie mit einer dünnen Wachsschicht überzogen waren, klumpten sie unter der Hitze des Bügeleisens zu einem wertlosen, grauen Brettchen zusammen. (Was aus meinen Schleck-Daumenkinos geworden ist, weiß ich nicht mehr …)

Riccardo Rinaldis Kunst ist glücklicherweise nicht komplett aus meinem Regal verschwunden, denn in der glanzvollsten Phase des langlebigen Magazins „Fix und Foxi“ – um das Jahr 1970 herum – gehörte er zum Team, zeichnete die Geschichten der Titelhelden, außerdem die Westernserie „Tom und Biberherz“ und schuf sogar eine eigene Reihe: „Die Pichelsteiner“. Rinaldi gab den kleinstädtischen Füchsen – rothaarig wie er selbst – und ihrem Ensemble etwas Cooles, Weltläufiges. Den hochmögenden Taugenichts Lupo, den heimlichen Star der Heftreihe, hat er sogar besser verstanden als jeder andere Kauka-Künstler.

FF 1974
Drei „Fix und Foxi“- Titelseiten von Ricardo Rinaldi aus dem meiner Meinung nach besten aller Jahrgänge 1974. (Kauka / Promedia Inc.)

Riccardo Rinaldi wuchs als Sohn eines Römers und einer Toskanerin in Mailand auf und konnte sich bereits als Zehnjähriger im Fernsehen präsentieren: als Schnellzeichner auf Zuruf in der Sendung „Zurli, mago dal giovedi“. Seinen ersten richtigen Job hatte er als Illustrator und Cartoonist einer Werbeagentur. Ein Kollege wies ihn 1964 auf eine Anzeige hin, in der Rolf Kauka dazu aufrief, einen Lupo zu zeichnen und einzusenden. Der 19jährige Riccardo tat es. Kauka soll darauf erwidert haben: „Für dich habe ich mehr Arbeit als du überhaupt je schaffen kannst!“ und nahm ihn unter der Bedingung unter Vertrag, dass er sich für wenigstens ein Jahr in München installierte.

Zu Beginn jedoch passte Riccardos „flotter, knittriger Semifunny-Style (…) nicht zum betulichen Strich des FF-Maestros“ (Peter Wiechmann), und er plagte sich in der Probezeit mit Strich-Verrenkungen und Selbstzweifeln. Er, der den Luxus einer Werbeagentur gewohnt war, empfand die Arbeitsräume und –verhältnisse als geradezu „vorsintflutlich“. Außerdem fühlt er sich in München einsam, wagte sich nicht unter die Leute – wofür er neben sprachlichen auch finanzielle Gründe angab. Doch die sollten sich bald auflösen. Rinaldi war kurz davor, hinzuschmeißen, als er ein bereits konzipiertes Projekt zur Vollendung führen durfte: 1966 erschienen die ersten Abenteuer der Steinzeit-Familie „Die Pichelsteiner“ in „Lupo modern“ Nr. 19. Abgesehen davon, dass hier Steinzeitmenschen und Dinosaurier in einer gemeinsamen erdgeschichtlichen Phase zusammengeführt werden, haben die „Pichelsteiner“ übrigens rein gar nichts mit „Familie Feuerstein“ zu tun, was ihnen gelegentlich von Comic-Fachleuten vorgeworfen wird, die selbst keine Comics lesen.
Die Serie lag Rinaldi auch deshalb so gut, weil er dort  nach Herzenslust Persönliches hineinbacken konnte: Ärger mit Behörden verarbeitete er in Querelen mit den bürokratisch-verblödeten Muffelbergern, seinen Jagdschein mussten sich auch die pirschenden Helden verdienen. Das Auftauchen des hellseherischen (und buchstäblich männermordenden) Höhlenvamps Draculina verwies auf Knatsch – entweder mit dem Chef oder mit der Liebsten. Alle diese Figuren und ihre Possen pflegte der Zeichner seinem Autor und Redakteur Peter Wiechmann übrigens im Stil eines italienischen Fabulatore vorzuspielen, ehe dieser sie dann in eine erste schriftliche Form brachte.
Knapp zehn Jahre – bis 1974 – sollte Riccardo Rinaldi fester Mitarbeiter des Hauses Kauka bleiben.

Mit den üblichen Techniken der Comicherstellung arrangierte er sich:  „Die Vorzeichnungen musste man mit blauen Buntstiften anfertigen“, schrieb er in seiner „Kauka-Chronik“ für das Magazin „Die Sprechblase“. „Das hatte den Vorteil, dass man die Skizzen nach dem Tuschen nicht mehr wegzuradieren brauchte, weil die blaue Farbe von der Reprokamera nicht aufgenommen wurde. Andererseits erschwerte diese Methode in gravierender Weise die Gestaltung, da sich Buntstift, wenn man ihn doch entfernen will, nur schwer wegradieren lässt. Nach dem Tuschen der Vorzeichnung wird eine Fülle in der Kontur vorgetäuscht, die nach der Reproduktion gar nicht mehr vorhanden ist.“
Seine qualitativen Vorbehalte gegen die ihm vorgelegten Geschichten wurden vor allem durch den menschlichen Faktor wettgemacht. Er schätzte es, von älteren Kollegen zu lernen und fühlte sich in der Villa in Grünwald stets gefördert und unterstützt, besonders vom legendären Kauka-Künstler Walter Neugebauer.

Im Verlag lernte Rinaldi auch Christine kennen, seine spätere Ehefrau und Mutter seines Sohnes Sascha, mit der er von 1970 bis ’80 verheiratet war.
Auch mit dem delikaten Übervater Rolf Kauka kam Rinaldi gut zurecht, und der stellte ihm sogar seine Privatsekretärin als Dolmetscherin zur Verfügung. (Zuletzt sprach Rinaldi ein beinahe akzentfreies Deutsch.) Kauka kam ihm auch entgegen, was Beschäftigungsstatus und Arbeitszeiten anging. (Rinaldi arbeitete am liebsten in den Abendstunden, wenn der tägliche Verlagstrubel zum Erliegen gekommen war.) Zum Dank avancierte er zum größten Stilisten in Kaukas exzellentem Zeichnerkollegium.

FF EXTRA_PichelsteinerDas Debüt der Pichelsteiner in der Taschenbuchreihe „Fix und Foxi Extra“ wurde auf dem Cover und mit fünf Abenteuern gewürdigt (1972). (Kauka / Promedia Inc.)

„Man sollte erst Funnies zeichnen, wenn man perfekt realistisch zeichnen kann!“ lautete einer von Rinaldis ehernen Grundsätzen. Die Pichelsteiner-Tochter Petra hatte bereits derart reizvoll ausgesehen, dass „Fix und Foxi“ zahlreiche halbstarke Leser hinzugewann. Noch umfassender konnte der Zeichner seine erotischen Künste in der „Siegfried“-Serie für das Magazin „Pip“ ausleben, in dem Kauka drei Jahre lang versuchte, „Comics für Erwachsene“ anzubieten.
Riccardo Rinaldi oblag es auch, „Fritze Blitz und Dunnerkiel“ zu zeichnen, nachdem das Vorbild „Asterix“ so schmachvoll aus dem Verlagsprogramm geflogen war*, aber vor allem gestaltete er immer wieder die Titelhelden Fix, Foxi, Professor Knox, Oma Eusebia und Lupo in den diversen Publikationen des Verlags und auf zahlreichen Titelbildern.
Nach dem Flop des Filmprojekts „Maria d’Oro und Bello Blue“, mit dem sich Rolf Kauka tatsächlich als „Deutscher Disney“ hätte erweisen wollen, ging es mit dem Betriebskima im Schloss insgesamt den Bach runter, und Rinaldi kehrte in die Werbung zurück.
In den 80er Jahren arbeitete er nur noch sporadisch für den Verlag.

Fritze Blitz_Primo„Fritze Blitz und Dunnerkiel“ und Pichelsteiner Flint als Kauka-Coverboys. (Kauka / Promedia Inc.)

Zum endgültigen Bruch mit Kauka kam es 1988 im Rahmen eines Urheberrechtsstreits um eine hochwertige Albenausgabe der „Pichelsteiner“. Nach Rinaldis abschließender Einschätzung hat Rolf Kauka damit nicht nur ihrer Freundschaft den Garaus gemacht, sondern sich und alle übrigen Beteiligten auch um ein einträgliches Geschäft gebracht.

In der Werbung verdiente Rinaldi so gut, dass er sein künstlerisches Engagement auf gelegentliche Liebhaber-Jobs beschränken konnte: so fertigte er einige Titelbilder für „Schwermetall“** und „U-COMIX“ an, die das Konzept von „Pip“ nun mit vorwiegend französischer Ware zum Erfolg führten. Auch die Medaille des „Max und Moritz Preises“ hat er gestaltet.

Mit nur 61 Jahren erlitt Riccardo Rinaldi im Schlaf einen Herzstillstand.
Im Nachruf auf seinen Freund zeichnet Achim Schnurrer im „Comic Jahrbuch 2007“ das Bild eines geselligen Ruheständlers, der sich zuletzt aus dem Hamsterrad der künstlerischen Produktion befreit hat, um sich jenen Dingen zu widmen, die ihm Freude machen: Reisen, Restaurantbesuche, die Organisation von Ausstellungen, die Mitbegründung des Comic Salons Erlangen.
Riccardo Rinaldis letzte Arbeit als Zeichner – ein Comic für „Junior“, das Magazin aus der Apotheke – lässt restlos alles vermissen, was ihn einst auszeichnete. Es ist das unbeschwerte Gekrakel eines Amateurs, den Ambition und Zweifel nicht länger plagen.
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* Diese Serie wird mitunter mit einem anderen Projekt aus dem Hause Kauka verwechselt. Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/01/10/rolf-kaukas-suendenfall/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/07/16/tausend-nackte-frauen/

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