Die schönsten Filme, die ich kenne (78): „Psycho 2″

Nach 22 Jahren wird Norman Bates aus der Psychiatrie entlassen, einer der berühmtesten Mörder der Kriminalgeschichte: als Kind hatte er seine Mutter vergiftet, deren Identität als seine zweite angenommen und im Mannesalter in seinem Motel in Mutters Kleidern mehrere Mädchen getötet, ehe man ihn enttarnte. Die Proteste von Leila Loomis, Schwester des letzten weiblichen Opfers, werden ignoriert, doch wir ahnen: diese Frau wird keine Ruhe geben!
Norman kehrt in das viktorianische Horror-Haus seiner Eltern zurück und übernimmt nach einigen Tagen als Küchenhilfe in einem Imbiss auch wieder sein Motel. Er gewährt einem jungen Mädchen namens Marie Samuels Unterschlupf (ein Name, der eingefleischte Filmfans stutzig machen könnte).
Kaum in Freiheit, wird Norman von seiner Vergangenheit eingeholt: offensichtlich will ihn irgendjemand wieder in den Wahnsinn treiben: Norman findet überall Nachrichten von seiner toten Mutter, bekommt Anrufe von ihr, und bald geht in Fairvale und Umgebung auch das Morden wieder los …

So viel steht fest: was Hollywood Geld bringt, will Hollywood möglichst schnell noch einmal machen. Wie sehr sich die Zeiten doch geändert haben, sehen wir daran, dass „Psycho 2“ erst 1982 gedreht wurde, 22 Jahre nach seinem lukrativen Vorgänger. Wir können daran außerdem ablesen, welche Bedeutung dieser Vorgänger genießt. Die lange Wartezeit hat aber noch einen banaleren Grund. „Psycho 2“ ist kein Remake, sondern eine Fortsetzung, und um diese herzustellen, bedurfte es der Mitwirkung des Hauptdarstellers Anthony Perkins. Perkins erklärte Anfang der 80er, man habe ihn schon oft gefragt, aber erst das Drehbuch von Tom Holland habe ihn schließlich überzeugt. So glaubwürdig dies angesichts der Qualität des Buches ist, so gut können wir mit einem abermaligen Abstand von mehr als 35 Jahren noch eine andere Überlegung anstellen. Ein schlauer Kritiker hat damals geschrieben, mit „Psycho 2“ werde das mordende Muttersöhnchen Norman Bates endgültig zum Lebenswerk von Anthony Perkins. Die Zusage war gewiss auch eine Kapitulation des Schauspielers, der lange mit sich gerungen hat, ehe er sich in die Tatsache fügte, dass er – selbst feinnervig und labil – ohnehin längst allerseits mit dieser Rolle identifiziert wurde. (Im Jahr darauf ergab sich auch Sean Connery und spielte noch ein letztes Mal James Bond.) Perkins hat den Norman danach noch mehrmals gespielt, unter diesem wie unter einigen anderen Namen.

„Psycho 2“ von Richard Franklin ist noch immer – ich habe mich gerade wieder davon überzeugt – ein fabelhafter Film und der würdige Nachfolger eines ganz besonder(s modern)en Klassikers (also eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit). Mit diesem teilt er die Qualität, auch zu funktionieren, wenn man seine starke Pointe schon kennt, was vor allem Buch und Regie zu verdanken ist. Sein Humor ist so subtil, wie es der großen Herausforderung angemessen ist.
Aber auch in den handwerklichen Disziplinen leistet sich „Psycho 2“ keinen Schnitzer. Aus dem Ensemble will ich nur den redlichen Robert Loggia herausgreifen, der als Psychiater des berühmtesten Slashers der Neuzeit unverdrossen an das Gute glaubt und doch niemals naiv herüberkommt, und Vera Miles aus der Ur-Besetzung von 1960, deren unsagbar böses, verhärmtes Gesicht so wirkt, als habe nicht Norman, sondern sie 22 Jahre in der Psychiatrie verbracht. Die Musik von Jerry Goldsmith muss es mit der meistgeklauten Filmmusik aller Zeiten aufnehmen und behauptet sich souverän, ohne diese zu adaptieren. Das Interieur des Psycho-Hauses ist so sorgfältig rekonstruiert worden, dass die Story endgültig von einem Stück Popkultur zu einem Teil unserer Realität wird.
Und in „Psycho 2“ gibt es eine meiner allerliebsten Dialogstellen überhaupt.
Nach einer Ermahnung durch den Sheriff fragt Marie aufmüpfig, ob sie gegen ein Gesetz verstoßen habe. „Gegen keines, das in den Büchern steht, aber gegen eine Menge, die ungeschrieben sind. Zum Beispiel gegen alle, die was mit menschlichem Anstand zu tun haben. Und ich meine, Sie und Ihre Mutter haben fast gegen jedes verstoßen.“ – „Das habe ich nicht gewollt.“ – „Das hat Norman vor 20 Jahren auch gesagt. Nur war er damals irre. Welche Ausrede haben Sie?“

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