Wo nie ein Taktstock zuvor gewesen ist – Der Filmkomponist Bernard Herrmann (15)

Fortsetzung vom 2.10.2018

Dazu, dass Bernard Herrmann sich bis heute als unangefochtener Hauskomponist von „Mystery And Imagination“ behauptet, hat auch die Reihe historisch-phantastischer Produktionen in Farbe und Breitwand beigetragen, die er an der Schwelle der 50er zu den 60er Jahren gestalten konnte, zumeist  gemeinsam mit Charles H. Schneer und Ray Harryhausen.
Der Columbia-Produzent Schneer und der 3D-Animator Harryhausen hatten in zwei Jahren schon eine Reihe von kleiner budgetierten Filmen zusammen gemacht, als Herrmann 1958 zu ihrem regelmäßigen Mitarbeiter wurde. Gemeinsam hielten sie es mit dem von Jack L. Warner ausgegebenen Slogan: „Films are fantasy – and fantasy needs music“.

herrmann Fantastic Film World
Im englischen Exil hat Herrmann ab Mitte der 60er Jahre viele seiner eigenen Arbeiten für die beginnende Tradition der klassischen Filmmusik-Neueinspielungen auf Tonträger* zusammengestellt und dirigiert. Ein Sampler mit Fantasy-Soundtracks war Ehrensache.

„The 7th Voyage Of Sinbad“ entführt uns in „Dynamation“ und Technicolor in das Reich von 1001 Nacht. Wir besuchen das märchenhafte Bagdad (mit viel orientalischem Kolorit, versteht sich), und auf der verwunschenen Insel Colossa bekommt es der Held mit Zyklopen und Drachen zu tun. Die musikalische Hauptattraktion ist Sindbads Duell mit dem säbelschwingenden Skelett, ein Xylophon- und Kastagnettengefecht im Dreivierteltakt.
„Journey To The Center Of The Earth“, eine Charles Brackett-Produktion frei nach Jules Verne,  tauscht die famosen Originalschauplätze von „Sinbad“ (S’Agaro, die spanische Costa Brava, Granada, Mallorca und Madrid) gegen schimmernde Grotten, unterirdische Meere und Kristallformationen. Umso höher schwingt sich die Fantasie des Komponisten auf. In seinem üppig besetzten Orchester gibt es keine Streicher, dafür fünf Orgeln (vier davon elektronisch). Zu Perkussion und Harfe kommunizieren – wie nicht selten bei Herrmann – Holz- und Blechbläser miteinander. Das Vorspiel „Mountaintop and Sunrise“ ist gewissermaßen sein Gegenstück zur „Alpensymphonie“. Am erklärten Reiseziel – dem Mittelpunkt der Erde – angelangt, entdeckt die Expedition das versunkene Atlantis. Herrmann taucht es in die fluoreszierende Aura von Orgelimprovisationen, und ein züngelndes Riesen-Chamäleon wird – wie schon die Tarantel in „White Witch Doctor“ – vom Stöhnen des Serpent begleitet, einem mittelalterlichen Vorläufer der Tuba. Der finale Vulkanausbruch, der die Reisenden durch den Krater des Stromboli in die Freiheit entlässt, hat endgültig nichts Spätromantisches mehr.
Wer nun aber glaubte, eine Ahnung von Herrmanns nächster phantastischer Partitur zu haben, sah sich abermals überrascht.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/02/06/hollywoods-karajan-hollywoods-george-martin/
Forts. folgt

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