Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (6): „Nachruf auf einen Spion“

„Nachruf auf einen Spion“ von Eric Ambler – 1. Der Staatenlose, 2. Das Gute und das Böse, 3. Schlangen, Wölfe und Ratten, Hörspielbearbeitung und Regie: Walter Adler, WDR 1992 (3 x 54 min.) – Besetzung und weitere Infos unter http://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1377936&vi=6&SID

„Wieder einmal stand die lange und umständliche Darlegung meiner Staatsangehörigkeit bevor. Oder vielmehr die Tatsache, dass ich eigentlich keine besaß.“

Es ist das Jahr 1937. Der Ungar Joseph Vadassy verbringt seine Ferien an der französischen Rivera. Da er unbeabsichtigt etwas Verdächtiges mitfotografiert, beschuldigt man ihn, die Sicherheit des Staates zu gefährden. Da er „der Polizei weiterhin zur Verfügung stehen“ muss, also über das baldige Ende seines Urlaubs hinaus, fürchtet er, seine Stellung als Sprachlehrer in Paris zu verlieren. Doch es könnte noch schlimmer kommen. Falls er den Verdacht nicht entkräften kann, droht ihm – einem Staatenlosen – gar die Deportation in ein ungarisches Gefängnis.
Vadassy hat einen persönlichen Feind: den Ermittler Beghin, der ihn mit Wollust schikaniert und geradezu darwinistisch Verachtet. Beghin bietet ihm an, sich reinzuwaschen, indem er in seinem Hotel unter den Gästen herumschnüffelt, denn dort befänden sich die wirklich die interessanten Hintermänner des Komplotts. Vadassy wird zu regelmäßigen telefonischen Berichten genötigt und beauftragt, dem Feind eine Falle zu stellen. Der schüchterne Bücherwurm versemmelt diesen Auftrag gründlich – doch er gibt mich auf …

Eric Ambler gehört dem recht großen, aber erlesenen Zirkel an: als Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes hat er über die Arbeit desselben Romane geschrieben und damit große Berühmtheit erlangt. Der Autor, Student der Ingenieurwissenschaft und als Elektroingenieur während des Zweiten Weltkriegs in der Artillerie eingesetzt, kennt aber nicht nur das Metier, er versteht es auch, menschliche Schicksale in köstliche Dialoge umzusetzen. Die Hotelgesellschaft hat etwas von Agatha Christie, doch die historischen Ereignisse – in diesem Fall der dräuende Zweite Weltkrieg – sind näher und spürbarer als in ihren Büchern, und es gibt keine schlaue Detektivfigur, von der wir wissen, dass sie das Kind schon schaukeln wird.
Der Held und Ich-Erzähler schildert die Ereignisse aus der Froschperspektive seines ohnehin geringen Selbstwertgefühls und einer zusätzlichen Bedrohung, die ihn völlig überfordert. Aber wir bleiben bei ihm und lernen mit ihm gemeinsam das Fürchten.

Kein Sommer vergeht, ohne dass ich mir „Nachruf auf einen Spion“ noch einmal zu Gemüte führe. Es ist ganz großes Kino.

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