Der Reiseführer

In unserer Nachbarschaft lebte eine junge Lollipopp-Frau, die uns wie eine etwas herbere Audrey Hepburn vorkam. Sie hatte eine große Boxerhündin namens Gigi und war stets vergnügt, ohne dass es aufgesetzt wirkte. Eines Tages besuchte sie uns, um uns mitzuteilen, dass sie in Kürze wegziehen würde. Unaufgefordert legte sie – eine kleine Geste der Wohnungsauflösung – einen Stapel billiger Taschenbücher auf die Heizung im Vorraum. Es waren alles Bücher einer Sorte, wie sie in Amerika als „Pulp“ bezeichnet wird, die Abenteuer eines Krimihelden mit starken Science-Fiction-Elementen.* Noch während meine Mutter mit der Abschiedsplauderei beschäftigt war, schnappte ich mir den Bücherstapel – was diesen vor der Vernichtung rette. Und mich in gewisser Weise auch.
Als erstes bestaunte ich die ungeachtet des billig gefertigten Inhalts sehr gekonnten und aufwendigen Titelseiten: fotorealistische Darstellungen zumeist vollkommen unrealistischer Szenen, in deren Mittelpunkt ein blonder Muskelprotz mit zerrissenem Hemd eine wachsame Pose einnahm.
Dann las ich die Rückseiten der Taschenbücher, auf denen eine kurze Inhaltsangabe prangte, z.B. so etwas wie: „Wenn es Nacht wird in Wisconsin, bricht die Erde auf und grässliche, formlose Kreaturen kriechen heraus. Dazu ertönt eine seltsame sirrende Melodie. Wenn die Musik verstummt, sind die Kreaturen verschwunden, und nichts bleibt von ihnen zurück als die Leichname ihrer Opfer – und die sehen entsetzlich aus.“ Nach einer solchen Passage wurde stets auf den Helden verwiesen, der das Phänomen in Ordnung brachte, ehe er ihm um Haaresbreite selbst zum Opfer gefallen wäre. Ich las die Rückseiten des ganzen Stapels durch, und als ich mich gleich danach an die Lektüre der ersten Geschichte machte, zog eine Frage durch mein Gemüt: Wo möchtest du leben? Hier – in diesem Dorf, unter diesen Menschen mit ihren Wertvorstellungen, mit dieser Perspektive? Oder bei den Höhlenmännern von Crescent City, in der Bucht des gefiederten Kraken oder in der Phantom-Stadt?
Sie ahnen, welche Antwort mir in den Sinn kam. Ich brauchte ein paar Jahre für diesen Umzug – sicher länger als unsere lesende Nachbarin. Aber seither lebe ich in dieser Welt, und es ist ein großes Vergnügen.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2018/10/12/doc-savage-der-bronzemann-die-deutschen-taschenbuecher/

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