Die Wiedergefundene Textstelle: „Die Emigranten“

betr.: 76. Jahrestag der Uraufführung von „Casablanca“

In der guten alten Zeit, als auch unbedeutendere alte amerikanische Filme als „Casablanca“ noch zur besten Sendezeit im Fernsehen liefen, gab es zwei Arten, wie ein Fernsehabend beginnen konnte: entweder mit einer Show Ouvertüre (der Eurovisionsfanfare oder Ähnlichem, meistens am Samstag) oder mit einem zünftigen Filmvorspann. Und nicht selten war eine Vorrede in den Vorspann eingearbeitet, die uns den historischen (oder erfundenen) Hintergrund des Werkes vermittelte, eine Art „Was bisher geschah“ für ein in sich abgeschlossenes Abenteuer. Nicht nur Western und Historienfilme, auch Science-Fiction-Abenteuer leisteten sich diese Hörbuch-Einstiege, die wenig Mühe machten, aber etwas ungemein Aufwertendes hatten. Heutzutage finden wir so etwas allenfalls noch bei abendfüllenden Disney-Trickfilmen (in einem Zusammenhang also, wo eine gewisse mediale Nostalgie dazugehört).
Diese Prologe wurden mit Liebe gestaltet und mitunter prominent besetzt. Unvergessen: Curd Jürgens‚ wettergegerbte Einführung in „Die Wikinger“.* Ein Jammer, dass er uns auf einer Schallplatte zum Film nicht auch die anschließende Geschichte erzählt hat.

Der Synchronsprecher Holger Hagen hatte die Ehre einige Filetstückchen der Prolog-Kunst zu gestalten. Wir hören ihn zu Beginn von „Der Glanz des Hauses Amberson“ und in der ersten Tranche der klassischen TV-Abenteuer um das „Raumschiff Enterprise“. Auch in der 2. und offiziell gültigen deutschen Fassung des Klassikers und Kultfilms** „Casablanca“ spricht er die einführenden Worte. Sie sind mit einem demütigen Marschmotiv unterlegt, dem der Komponist Max Steiner den Titel „The Immigrants“ gegeben hat.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wandten sich viele Augen im eingeschlossenen Europa hoffnungsvoll oder Verzweifelt der Freiheit Amerikas zu. Lissabon wurde der große Auswanderungshafen, aber nicht jeder konnte direkt nach Lissabon gelangen. Und so entstand plötzlich eine Route, auf der die Flüchtlinge mühsam und auf Umwegen ihr Ziel zu erreichen versuchten: Von Paris nach Marseille, über das Mittelmeer nach Oran, dann mit dem Zug, dem Auto oder zu Fuß durch das nördliche Randgebiet Afrikas nach Casablanca im Französisch-Marokko.
Hier konnten die vom Glück Begünstigten vielleicht durch Geld oder Einfluss oder reinen Zufall Ausreisevisa bekommen und nach Lissabon gelangen und von Lissabon in die Neue Welt.
Aber die anderen warten in Casablanca … und warten … und warten … und warten.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2016/08/11/noch-mal-davongekommen/
** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2014/09/21/was-ist-kult/

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