Die schönsten Filme, die ich kenne (85): „Es geschah am hellichten Tag“

Die neunjährige Gritli ist bestialisch ermordet worden. Als der Hausierer Jaquier in einem Wald in Graubünden ihre Leiche findet, wird er als Tatverdächtiger festgenommen. Seine Unschuldsbeteuerungen nützen wenig, denn die Polizei steht unter Druck: zwei ähnliche Morde konnten bisher nicht aufgeklärt werden, und die Öffentlichkeit fordert ungeduldig die Präsentation eines Täters. Der Landstreicher erhängt sich in seiner Zelle, nachdem er gegenüber seinem „alten Bekannten“ Oberleutnant Matthäi (Heinz Rühmann) seine Unschuld beteuert hat, was von der Kantonspolizei als Schuldeingeständnis gewertet wird.
Matthäi, der im Begriff ist, zu einem Spezialauftrag nach Jordanien aufzubrechen, glaubt nicht daran. Außerdem geht ihm eine Zeichnung nicht aus dem Kopf, die Gritli kurz vor ihrem Tode gemacht hat. Er quittiert den Dienst, um bleiben und den Mörder auf eigene Faust suchen zu können. Schließlich verdingt er sich als Tankwart an einer Straße, die der Mörder nach seiner Überzeugung wieder befahren muss, wenn er sein nächstes Opfer sucht. Und dass es ein solches geben wird, davon ist Matthäi überzeugt …

Im Jahre 1958 war der Deutschen liebster Mime Heinz Rühmann ein wenig vielseitiger als in der übrigen Zeit seiner langen Karriere. Notgedrungen. Diese Karriere war erst zwei Jahre zuvor wieder angelaufen, nachdem sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine gut zehnjährige Kluft aufgetan hatte, eine Buße zwischen Rühmanns Jahren als wichtige Stütze des NS-Filmbetriebs und jener Spätphase, in der er als „moralische Instanz“ kurz vor der Seligsprechung stand und jung und alt mit seinen vielen TV-Auftritten schier zu Tränen rührte.
Innerhalb von anderthalb Jahren spielte er zweimal unter der Regie von Ladislao Vajda, und diese beiden sehr unterschiedlichen Arbeiten zusammengenommen sind für mich persönlich der Höhepunkt seines Werkes als Filmschauspieler.* In „Es geschah am hellichten Tag“ wagt sich Rühmann so weit wie nie aus der Komfortzone des knuffigen „Kleinen Mannes“ heraus, den er archetypisch verkörperte. Um den verstörendsten Verbrecher der deutschsprachigen Filmgeschichte zu fangen, legt er diesem eine junge Mutter und ihr Töchterchen als Köder hin, was schon recht harter Tobak ist. Er schämt sich dann auch ein wenig dafür, garniert dies aber mit einem lapidaren Eingeständnis, wie es nur dem abgründigen Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt einfallen konnte: „Dass das Mädchen noch lebt, ist ein reiner Zufall!“
Auch jenseits solch etwas gesuchter Superlative ist „Es geschah am hellichten Tag“ ein herausragender Film. Er folgt der Maxime von Alfred Hitchcock und präsentiert uns den Täter schon sehr frühzeitig. Er beschreibt die Arbeit des Profilers lange, bevor es diesen Begriff überhaupt gab (und fern aller Amerikanismen). Berta Drews ist reinewegs zum Fürchten als herrische Geschäftsfrau, die ihren puddingfeisten zweiten Gatten mit ihren Demütigungen in den Wahnsinn treibt. Von Gert Fröbe, der diesen armen Kerl spielt, bekommen wir zunächst nur einen klobigen Schatten, verkrampfte Grabbelfinger und eine gequälte Stimme geboten, bis er ins Blickfeld tritt, was kaum weniger erinnerungswürdig ist.
Prachtvolle Schauspieler wie Jack Nicholson und Joachim Król retten die beiden Remakes dieses Films nicht vor der völligen Überflüssigkeit.

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* Siehe dazu auch den Blog zum anderen der beiden Filme unter https://blog.montyarnold.de/2017/07/02/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-32-ein-mann-geht-durch-die-wand/ und zu Rühmanns Verdiensten als Filmproduzent unter https://blog.montyarnold.de/2017/06/19/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-30-berliner-ballade/

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