Die schönsten Filme, die ich kenne (86): „Die Wunderpille“ („Jitterbugs“)

betr.: DVD-Box „Dick und Doof Gesamtedition“

Die verständigen unter den Liebhabern von Laurel & Hardy sehen in „Blockheads“ das Ende einer Ära, den letzten Film im „guten alten Laurel-und-Hardy-Stil“. Danach begannen verschiedene Faktoren, der Grazie und Wertigkeit des Duos zuzusetzen: das Zerbrechen ihrer alten Arbeitsstrukturen und der einstigen künstlerischen Freiheit, ein Wandel des Zeitgeschmacks und natürlich der Rückbau der eigenen Jugend, Kraft und Gesundheit. Bereits die letzten beiden noch allseits geschätzten Filme für ihren Entdecker und Produzenten Hal Roach zeigen einen unbehaglichen Trend. Die folgenden Filme für 20th Century Fox und MGM werden von wirklichen Fans abgelehnt. Zu recht? Zumindest eines dieser kleinen Lustspiele, das stets in qualitative Sippenhaft genommen wird, hat dies nicht verdient: „Jitterbugs“.

Jitterbugs-1
Die jüngste Kauf-DVD von „Jitterbugs“, Teil einer kleinen Serie mit den Spätwerken von Laurel & Hardy

Als der Wagen der fahrenden Entertainer Laurel & Hardy in der Wüste liegenbleibt, hilft ihnen ein zufällig vorbeikommender Nachwuchs-Erfinder aus der Patsche, Chester Wright. Er behauptet, eine Pille erfunden zu haben, die Wasser in Benzin verwandelt. Er überredet Stan und Ollie, ihn in die nächste Ortschaft zu begleiten, und ihm eine Reklame-Show für sein Wundermittel auszurichten. Die Show gelingt, die Pille findet reißenden Absatz, doch der Schwindel fliegt auf, und die drei Herren müssen die Flucht ergreifen. Chesters Charme mag dazu beigetragen haben, dass sich ihnen eine junge Sängerin anschließt, Susan, deren Familienvermögen unlängst von Betrügern erbeutet worden ist. Chester, Stan und Ollie wollen es den Gaunern gemeinsam wieder abluchsen. Auf einem Vergnügungsdampfer kommt es zu einer Geheimoperation mit großem Showdown …

Selbstverständlich ist es nicht die Handlung, die diesen Film trägt, aber die spielte bei Laurel & Hardy sowie im Genre des Musicals, dem wir „Jitterbugs“ zurechnen können, selten eine große Rolle. Die zwei Starkomiker sind hier in beinahe ernsten Rollen zu sehen und vollführen ihre Verkleidungen so gekonnt, dass ich mich im Kindesalter beim Anschauen des Films gewundert habe, warum nicht wenigstens Stan (wie gewohnt) alles vermasselt, indem er den Gangstern die lebenserhaltende Täuschung preisgibt. Hardy ist köstlich als liebestoller, aber galanter Südstaaten-Gentleman mit Vorliebe für Pernod (eine Parodie auf seine eigenen Manierismen), und Laurels reiche Erbtante aus Boston ist ein Höhepunkt in der langen Liste seiner Travestien. Der Biograph William K. Everson erkannte in diesem Film eine „Oase in der Wüste der Mittelmäßigkeit, in die Laurel und Hardy geraten waren“. Obwohl die Fox mit den beiden Protagonisten offensichtlich nichts anzufangen wusste – und sie deshalb als Zwei-Mann-Band mit mechanischer Verstärkung einführte, ohne diese Idee in der Handlung durchzuhalten – profitiert der Film von seinem guten Produktionsvolumen. Das wiederum war der Präsentation der weiblichen Hauptrolle geschuldet, der in der Tat bezaubernden Vivian Blaine, die später in der Originalbesetzung von „Guys And Dolls“ aufging.

Seit das ZDF Ende der 70er Jahre eine schauerliche neue Synchronfassung für seine Serie „Lachen Sie mit Stan und Ollie“ in Auftrag gegeben hat, war die deutsche Kinobearbeitung von „Jitterbugs“ nicht mehr zu sehen. Auch die 2007 erschienene DVD beinhaltete die ZDF-Version. Zerlegt in drei Teile, aber ansonsten beinahe vollständig – nur Blaines Songdarbietungen wurden etwas eingekürzt – ist die idealbesetzte und von Eberhard Storeck betreute Eindeutschung namens „Die Wunderpille“ nun nach 40 Jahren auf einer „Dick & Doof“-DVD-Box erstmals wieder zugänglich. Es ist der beste Film mit Laurel & Hardy seit „A Chump At Oxford“ und der letzte, der ihrer wahrhaft würdig ist.

WunderpilleDie Super 8-Version von „Jitterbugs“

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