Wo nie ein Taktstock zuvor gewesen ist – Der Komponist Bernard Herrmann (23)

Forstsetzung vom 11.12.2018

Für seine DECCA-Alben suchte sich Herrmann auch einige Werke anderer Komponisten heraus, die schon deshalb so gut zu seinem eigenwilligen Dirigat passen, weil sie seinen Stil beeinflusst haben: Ravel, Debussy, Strawinsky, Holst, Ives. In Herrmanns Interpretation der „Music Hall“-Passagen aus Eric Saties „La belle excentrique“ weht uns ein Hauch „Citizen Kane“ an, die „Gymnopedies“ lassen manch einen an „Vertigo“ denken. Aber welches sind nun Herrmanns wichtigste Vorbilder und Einflüsse? Häufig wird auf die „Ähnlichkeit“ seines „Vertigo“-Liebesthemas mit Wagners „Liebestod“ verwiesen oder „Psycho“ mit Strawinskys „Sacre du printemps“ verglichen. Das ist etwa so, als würde man Daffy Duck vorhalten, sein Schnabel sähe so ähnlich wie der von Donald aus. Wagner / Strawinsky legen es jeweils auf einen ganz anderen Effekt an als ihr späterer Kollege.

Aber wie ist es um Bernard Herrmann als Vorbild bestellt? Ähnlich wie Hitchcock – er sei hier noch ein letztes Mal bemüht – hat auch Herrmann im eigenen Lager (dem der Musiker) viele Bewunderer, aber niemanden, der ihm wahrhaftig nachgefolgt wäre.
Schnell hat man famose jüngere Künstler wie Jerry Goldsmith, James Horner oder Georges Delerue als jene zur Hand, die von ihm gelernt haben sollen, aber ich musste bei ihrer Musik noch nie an Herrmann denken. Nur hin und wieder bemerke ich überhaupt die Absicht, ihm nachzueifern (z.B. bei Patrick Doyles „Carlito’s Way“) doch dieses Wiedererkennen spielt sich nur im Kopf ab, als ein Indizienprozess ohne jegliche Herzensbewegung – undenkbar bei Herrmanns Musik, deren Wirkung sich schon bei den allerersten Tönen unentrinnbar entfaltet. Man kann ihn recht gut analysieren – ein wenig ist das ja auch in diesem Text unternommen worden –, kann beispielsweise feststellen, dass seine Harmonik oft auf Terzschichtungen im Sinne von Debussys Ganztonskala beruht, dass er  wie niemand sonst mit endlosen Wiederholungen zweitaktiger Motive zu bestricken versteht …  seiner Magie kommt man so nicht auf die Spur.

Forts. folgt
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/02/06/hollywoods-karajan-hollywoods-george-martin/

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