Die wiedergefundene Textstelle: Holden Caulfield Revisited

betr.: 100. Geburtstag von J. D. Salinger

In dem Zweipersonen-Psychodrama „The Collector“* wird der Klassiker „Der Fänger im Roggen“ – jene Schul-Pflichtlektüre, über die dieser Tage wieder in vielen Feuilleton- und Literaturbeilagen erneut nachgedacht wird – von den handelnden Personen diskutiert.
„Ich kann nicht viel Sinn drin sehen“, sagt Terence Stamp, dem Samantha Eggar das Buch empfohlen hat und der es inzwischen gelesen hat.
„Wieso denn nicht?“ – „Weil ich nicht ein Wort glauben kann. Dieser Junge geht in ’ne feine Schule. Seine Eltern haben einen Haufen Geld. Er hat überhaupt kein Problem, wenn Sie mich fragen.“ Eggar will Stamp nicht provozieren, denn sie hofft darauf, heute nacht verabredungsgemäß aus dem Keller freigelassen zu werden, in dem er sie die letzten Wochen über gefangengehalten hat. Also sagt sie: „Vielleicht haben Sie recht.“ Doch Stamp geht nicht darauf ein. „Wo also nimmt er dann das Recht her, sich so zu benehmen wie er es tut?“ – „Von der Seite hab ich’s noch nicht gesehen“, versucht es Eggar weiter mit ihrer Taktik. „Sie meinen, Sie haben die Fehler in diesem Buch nicht bemerkt?“ – „Nein. Aber Ihr Gesichtspunkt hat etwas für sich …“ Stamp riecht den Braten und wird zornig. „Sie brauchen sich gar keine Mühe zu geben!“ – „Mühe? Wieso?“ – „Sie haben das Buch dreimal gelesen. Sie haben mir gesagt, dass Sie es lieben!“ – „Das stimmt, aber das bedeutet doch nicht …“ – „Einem anderen hätten Sie niemals so schnell recht gegeben. Sie hätten mit ihm gestritten. Sie wollen nämlich gar nicht richtig mit mir reden.“ Eggar bestreitet das. Stamp nimmt sie beim Wort und nimmt ihr gegenüber Platz. „Na gut. Erzählen Sie mal, was Sie an dem Buch so Großartiges finden!“ – „Nun, vor allem den Jungen. Die Art, wie er alles Unechte ablehnt, wie … wie wach er ist …“ – „Da sehen Sie’s! Für mich ist er total verkorkst.“ – „Er ist doch aber ein Mensch! Wenn er auch Fehler hat … ich meine, Sie haben ihn doch bedauert, oder nicht?“ – nicht?“ – „Nein! Ich kann die Art, wie er redet, nicht ausstehen!“ – „Aber das macht doch gerade seinen Charme aus!“ – „Und die Art, wie er sich benimmt! Spricht schlecht über alle Leute und drückt sich Mitesser aus! Wenn das Charme ist …“ – „Er macht diese Dinge nur, weil er alleine ist, weil er zu niemandem passt!“ Stamp schnaubt verächtlich. „Das ist kein Wunder. Wie der sich benimmt … Er versucht gar nicht, sich anzupassen!“ Dann sagt Eggar den vernichtenden Satz, der den Rest der Unterhaltung illusorisch macht: „Sie verstehen das nicht!“ – „Nein?“ – „Was ich sagen will, ist, Sie wollen ja gar nicht verstehen, dass er … dass er genauso ist, wie … wie wir alle.“ – „Wie ich bin! Das wollten Sie doch sagen, oder?“ Eggar windet sich, aber wir dürfen Stamp als entfesselt betrachten. „Ich bin allein, weil ich zu niemand passe? … Also bin ich zu ungebildet, um es zu verstehen?“ Nein, so sei es natürlich nicht.
Stamp ergreift einen Bildband. „Das ist gute Malerei, nicht?“ fragt er mit brodelndem Unterton. „Ja, es ist ein Picasso!“ – „So sieht aber keiner aus!“
Auch in der nun folgenden Unterhaltung werden sich die beiden nicht einigen.
Nur einer von beiden wird den Schauplatz dieses Dramas lebend verlassen.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2017/08/14/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-39-der-faenger/

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