Die schönsten Filme, die ich kenne (88): „Wir sind alle Millionäre“

Bei meinem Lieblingssender arte laufen regelmäßig aktuelle europäische Miniserien (früher hätte man „Dreiteiler“ gesagt), die bei geringer Kürzung auch in einen Spielfilm hineinpassen würden. Meistens werden sie bereits bei ihrer Erstausstrahlung in einem Rutsch versendet. Diese Produkte sind von untadeliger Routine, niemals ganz frei von guten schauspielerischen Leistungen und taugen in der Regel nichts. Doch hie und da blitzt ein Juwel unter ihnen auf. Eines davon passt thematisch ganz gut zum heutigen Dreikönigstreffen der FDP.

Der Titel „Wir sind alle Millionäre“ meint die Bewohner der Pepys Road in einem Londoner Vorort, die sich angesichts eines völlig überhitzten Immobilienmarktes als reiche Leute betrachten dürfen. Eine ominöse Kampagne sorgt für eine weitere Gemeinsamkeit dieser zutiefst unterschiedlichen Nachbarn: „Wir wollen, was ihr habt“ steht auf den täglich eintreffenden Postkarten mit heimlich geschossenen Fotos der Adressaten und ihrer Häuser.
Da ist der erfolgreiche Banker Roger Yount mit seiner deutlich jüngeren, attraktiveren und verschwendungssüchtigen Gattin Arabella, den das Ausbleiben der erwarteten Jahresprämie in eine Familienkrise stürzt – und die ist nur das Vorspiel noch größeren Übels. Die Witwe Petunia Howe lebt seit sechzig Jahren in der Straße und hat sich mit der pakistanischen Familie angefreundet, die einen Kiosk betreibt. Als bei ihr ein Hirntumor festgestellt wird, vertraut sie sich nicht ihrer Tochter, sondern ihrem Enkel Smitty an. Der revanchiert sich mit einem eigenen Geheimnis. Die Polizei kommt mit den spät und langsam anlaufenden Ermittlungen gegen den Absender der kryptischen Postkarten nicht weiter, sorgt aber in der Pepys Road für weitere Unruhe …

An sich kein Freund von sogenannten Episodenfilmen, hat mich dieses Gesellschaftsportrait nach dem Roman „Capital“ von John Lanchester sofort und bis zuletzt in seinen Bann geschlagen. Es spricht von Einwanderung, Religion, Kapitalismus, Gentrifizierung und vom Altwerden, ohne dem bildungsbürgerlichen Publikum allzu offensichtlich nach dem Munde zu reden. Angesichts dieser Leichtigkeit kann man über die Sünden hinwegsehen: lässliche Ungereimtheiten, unnütze Animations-Symbolik und eine Schicht von (musikalischer) Feelgood-Pampe, die dem Finale viel von seinem restlichen Geheimnis nimmt. Der Schauspieler Toby Jones, der hier als Familienvater Yount zu sehen ist, hatte vor einigen Jahren eine beträchtliche internationale Präsenz in unterschiedlichsten Genres auf der großen und der kleinen Leinwand. Er wird gern zur Verkörperung von Figuren herangezogen, die nicht sympathisch genug sind, um unsere Empathie zu wecken und die andererseits nicht genug psychopathischen Glamour aufbieten, um unseren Voyeurismus zu erregen. Einmal mehr bringt er uns dazu, uns auf die Seite dieser Figuren zu schlagen.

Übrigens: die von Friedrich Merz unlängst lancierte Pointe von der „Mittelklasse“, der er sich zugehörig fühle, wird hier schon vorweggenommen, und auch von der schwerreichen Arabella wird sie völlig ernst gemeint.

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