Die schönsten Filme, die ich kenne (89): „Ed Wood“

Mitte der 90er Jahre bekam das nachlässig verübte Filmhandwerk ein offizielles Gesicht: das von Edward D. Wood jr – bzw. vom etwas hübscheren Johnny Depp, der diesen Trashfilmer in einem Biopic verkörperte. Obwohl sich „Ed Wood“ eng an die „wahren Ereignisse“ hält, auf denen er beruht, ist er ein durchgeknallter Spaß und der warmherzigste und amüsanteste Film über das unausweichliche Scheitern, der sich denken lässt. Der reale Wood stieg dadurch posthum zum „schlechtesten Regisseur aller Zeiten“ auf. Weltweit. Zu einem derartigen Urteil können wirklich nur die Amis kommen, die nie einen Film von Hans-Christoph Blumenberg gesehen und nie „Kalt in Kolumbien“ von Dieter Schidor durchgestanden haben.

Hollywood Mitte der 50er Jahre. Ed Wood ist ein Kinonarr mit Hang zur Science-Fiction. Er nötigt seine Freunde, ihm bei der Verwirklichung von No-Budget-Projekten zu helfen und bringt schließlich Pornoproduzenten, Fleischfabrikanten und eine Baptistengemeinde dazu, seine haarsträubenden Filme zu finanzieren: Geschichten von UFOs, irren Forschern und Transvestiten; mit letzteren kennt Wood sich aus, denn obwohl heterosexuell, hat er selbst eine Vorliebe für Damenunterwäsche und Angorapullis.
Zu der Gruppe von Sonderlingen, die er um sich geschart hat, gesellt sich eines Tages eine echte Legende: der von Alter, Obskurität und Morphium gezeichnete Ex-Horrorstar Bela Lugosi, der seinen Dracula-Umhang und seine Parallel-Identität als Fürst der Finsternis in Ehren hält.
Wood lässt den alten Herrn in zwei seiner Werke auftreten und bringt ihn nach einem Zusammenbruch in die Entzugsklinik. Doch Lugosi ist nicht krankenversichert und muss die Behandlung vorzeitig abbrechen. Kurz darauf ist er tot. Ein winziger privater Filmschnipsel ist sein letzter Auftritt vor einer Kamera. Wood ist entschlossen, daraus „Belo Lugosis letzten Film“ zu machen und ein Werk zu schaffen, dessentwegen man sich an ihn erinnern wird …

„Ed Wood“ ist ein historischer Kostümfilm, was einen entscheidenden Vorteil hat: es ist der eine Film im Werk von Tim Burton, der nicht exakt genau so aussieht wie alle seine übrigen („Mars Attacks“ einmal ausgenommen, aber das ist ja auch so etwas wie ein historischer Stoff …). Auch als Mitautor des Drehbuchs läuft Burton hier zu ungeahnter Form auf. Die zweite Hauptrolle (sie wurde bei der Oscar-Verleihung als Nebenrolle deklariert und obsiegte in dieser Disziplin) spielt Martin Landau, der zu diesem Zeitpunkt ein jahrzehntelanges Siechtum in Billigproduktionen, Gruseltrash und TV-Serien (was damals eine Herabsetzung bedeutete) hinter sich hatte. Sein verkrachter Ex-Vampir ist entschieden besser als das Original. Landau gibt Bela Lugosi jene Würde und Gravitation, die dieser stets nur für sich in Anspruch nahm. Im Gegensatz zu Lugosi, den er nie verrät, ist Landau freiwillig komisch.
Aus heutiger Sicht ist „Ed Wood“ auch ein wehmutsvoller Abgesang auf die Zeit, als Kulissen noch wirklich existierten – deutlich verkleinert, aus Sperrholz und Pappe, manchmal nur aufgemalt und mitunter nicht ganz überzeugend, aber wirklich vorhanden. Der Hollywood-Hills-Hintersetzer, mit dem „Ed Wood“ beginnt und endet ist das schönste Modell seit „Cocktail für eine Leiche“.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2017/12/24/die-wiedergefundene-textstelle-der-verstossene-mann-der-wissenschaft/

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