Wer den Kneipenpfennig nicht ehrt …

betr.: Der Film „Meine Welt ist die Musik – Der Komponist Christian Bruhn“ (2017)

Christian Bruhn ist für mich, was er für alle Halbstarken der 70er Jahre ist: ein „Vater unsterblicher Melodien“. Vor allem für TV-Serien. Doch nicht nur das – sein längst verstummtes Instrumental „Flying Dutchman“ war mein aller-allererster Ohrwurm, und der Soundtrack zu „Timm Thaler“ meine erste eigene Langspielplatte.* Ich wollte unbedingt das Lied vom „Kli-Kla-Klawitter“-Bus auswendig können; ich lernte es durch wöchentliches Wiederhören in Rekordzeit. Wenige Jahre später – der technische Fortschritt hatte Einzug gehalten – kniete ich vor dem Fernseher, um die Titelmelodie von „Captain Future“ mit dem Plastikmikro auf Cassette mitzuschneiden. Im Grunde ging es uns doch allen so oder ähnlich.
Doch es gibt noch eine persönliche Christian-Bruhn-Erinnerung, die ich (bisher) nicht mit Millionen Menschen des deutschen Sprachraums teile.
Ich war Kabarettist und sang zumeist Broadway- und Filmsongs, doch hin und wieder eben auch eigene Kreationen. Meistens schrieb ich nur den Text, die wenigsten habe ich selbst vertont. Ein Kollege machte mich darauf aufmerksam, dass auch Liedtexter von der GEMA vertreten werden. Daher sei es für mich ratsam, dort Mitglied zu sein (auch wenn ich keine Noten lesen kann). Ich meldete mich an, zahlte meinen Jahresbeitrag von 164 Mark und erhielt die Zusicherung, dieser Betrag würde künftig mit meinen Tantiemen verrechnet.
Diese Aussicht gab mir Kraft, wenn ich nun nach der Vorstellung die hochnotlästigen GEMA-Listen ausfüllte, die mir die Veranstalter ständig hinlegten, eine geisttötende Verrichtung, die noch von Hand erledigt werden musste. Ich tat das viele Jahre lang sehr sorgfältig und wärmte mich an der Idee, dass es neben mir selbst noch mindestens einen weiteren Kollegen gab, der mich Abend für Abend als Zugabe im Repertoire und also auf der Liste hatte.
Jahr für Jahr bekam ich nun den GEMA-Newsletter, und auf fast jedem davon prangte ein aktuelles Gala-Foto, auf dem der GEMA-Aufsichtsratsvorsitzende Christian Bruhn in feierlicher Runde abgebildet war, beseelt vom Jubel der Seinen und einer besonders hohen GEMA-Ausschüttung. Dann fiel ein traurigerer Blick auf meine Jahresabrechnung: 164 Mark minus. In den Jahren meiner Mitgliedschaft erinnere ich mich – all den ausgefüllten Listen zum Trotz – nur an eine einzige Abrechnung, in der mein Mitgliedsbeitrag nicht in voller Höhe anfiel. Es dürfte das Jahr gewesen sein, in dem der oben erwähnte Kollege meinen Zugaben-Song auf einer CD untergebracht hatte.

Wann immer ich heute einen Brief mit irgendeinem Bewilligungsbescheid erhalte, flammt es kurz vor meinem inneren Auge auf: das Bild von Christian Bruhn im Walhalla-Glanz rieselnder Tantiemen.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2016/01/05/ausgekichert/

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