Schiffbruch mit Edgar Allan Poe

betr.: heutige Ausstrahlung von Teil 1 des Hörspiels „POEsPYM“ (Deutschlandradio Kultur 2008) nach „Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ auf Deutschlandfunk Kultur

„Es ist nicht Aufgabe der Literatur, die Realität abzubilden.“     Edgar Allan Poe

Die Jugendfreunde Gordon Pym und August Barnard träumten von Kindheit an, einmal gemeinsam auf hohe See zu fahren. Augusts Vater ist Kapitän auf dem Walfänger Grampus. Als August ihn nun auf einer Walfangfahrt begleiten soll, darf Pym nicht mit. Er versteckt sich also heimlich im Bauch des Walfängers unter einer Falltür. In der Dunkelheit unter Deck, zwischen den ausdünstenden Tranfässern und ohne genügend Wasser und Nahrung, verliert Pym fast den Verstand. Erst nach elf Tagen kann August ihn befreien – eine Meuterei hatte auch ihn gefangen gesetzt und fast das Leben gekostet. August, Pym und ihr neuer Freund Dirk Peters, einem früheren Meuterer, gelingt es, das Schiff zurückzuerobern: Pym erschreckt die Meuterer, indem er sich als Gespenst eines ihrer ermordeten Kameraden verkleidet. Parallel zum Kampf der Menschen tobt der nächste Sturm, der das Schiff in ein treibendes Wrack verwandelt. Die drei Freunde sowie Parker, ein überlebender Meuterer, versuchen nun, sich auf dem gefluteten Wrack zu halten. Diese Szenen erinnern an das „Floß der Medusa“, das berühmte Gemälde von Chirico. Auf diesem 1819 erstmals ausgestellten Werk wird ein historischer Schiffbruch geschildert, bei dem die Überlebenden einige ihrer Mitmenschen aufaßen. Auch auf der Grampus wird nun ein Opfer ausgelost, und es trifft ausgerechnet Parker, der diese Idee zuerst geäußert hatte. August stirbt an den Folgen einer Wundinfektion, Ihr Wrack treibt bereits kieloben, als Pym und Peters von einem Segler geborgen werden, der Robben in der Südsee jagt. Der geldgierige Kapitän dringt immer weiter nach Süden in eine Packeiszone vor, weiter als alle Segler vor ihm. Das Schiff durchstößt die großen Eisfelder und wird schließlich von einer Strömung nach Süden getragen: in wärmere Regionen am Südpol (wie sie sich die phantasievolleren der damaligen Naturwissenschaftler tatsächlich ausmalten). Sie gelangen zu einer Inselgruppe, dem Land Tsalal. Die dort lebenden schwarzen Eingeborenen kennen die weiße Farbe nur als Vorboten von Unglück und Tod kennen. Der Kapitän der Wilden nennt sich Tu-wit und nimmt die Europäer scheinbar zuvorkommend auf, obgleich ein Rest von Pyms Misstrauen nicht zerstreut werden kann; Pym wäre gerne der Strömung weiter nach Süden gefolgt. Überrascht beobachten er und Peters zum Beispiel, dass das Wasser hier aus farblich unterschiedlichen Adern besteht, die sich nicht miteinander vermischen. Schließlich werden die Besucher in eine Falle gelockt, in einen Hohlweg, den die Eingeborenen zum Einsturz bringen. Während sich die Wilden daran machen, den Schoner zu erobern, gelingt es nur Pym und Peters, sich aus der Verschüttung zu befreien. In einem Kanu setzen sie nun ihre Reise fort, Richtung Südpol. Sie stoßen vor in eine weiße Welt voll weißer Vögel und treffen zuletzt in einer Art Epiphanie auf einen weißen Riesen. Die Erzählung bricht ab, als das Kanu der beiden auf einen Katarakt zutreibt.
Dieses Ende beschreibt einen Abgrund wie ihn Poe ähnlich in den Erzählungen „Im Strudel des Maelstoms“ und „Die Grube und das Pendel“ geschildert hat, um ein geradezu psychedelisches Element erweitert. In diesem Finale mit seiner blendenden, halluzinatorischen Klarheit erblickten kundige Exegeten eine Sehnsucht nach Helligkeit, nach einem reinen Weiß und einer stillen See. Für andere erfüllt sich darin das Verlangen des Helden zu stürzen.

Wenn man sich zu vor mit den Arbeiten von Herman Melville oder Joseph Conrad beschäftigt hat, ist offensichtlich, dass dieses Hochsee-Abenteuer von einer (wenn auch überaus kreativen) Landratte geschrieben wurde. Davon profitiert das Werk letztlich, denn was ihm an Kolorit abgeht, gewinnt es an Aberwitz.
Edgar Allan Poe hat sich längst als der meistgelesene und dem Klassikern der amerikanischen Literatur etabliert.*
„Arthur Gordon Pym“ ist für Hörspielmacher eine besondere Herausforderung, verzichtet er doch fast völlig auf wörtliche Rede. Leider ist die vorliegende „Bearbeitung“ lediglich eine szenische Lesung mit drei Sprechern und einer Sprecherin, unterlegt mit den coolen Grooves von Zeitblohm. Kein kommunikatives Ereignis – weder die Meuterei noch die Begegnung mit den Eingeborenen – wird in einen Dialog umgesetzt. Diese Vorgehensweise erspart den Hörspielleuten viel Arbeit, aber hier wird eher die Atmosphäre einer Werbeagentur als die einer schauerlichen Schiffsreise heraufbeschworen. „POEsPYM“ ist etwas für Hipster, die sich nicht gern von einem ollen Schinken aus der Ruhe bringen lassen.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2016/05/25/intelligent-life/

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