Die Schaulustigen

betr.: Helene Fischer – ihr Erfolg, ihre Trennung, ihr Publikum / NZZ-Artikel „Vorturnerin der Enthaltsamkeit“ am 12. Januar 2019

Als ich vor einem Jahr als Juror eines Theaterpreises durch die Lande reiste, verhärtete sich eine irritierende Beobachtung, die ich zuvor schon bei diversen Theater-, Musical- und Kabarettveranstaltungen gemacht hatte: mindestens einmal im Laufe des Abends wurde – unabhängig von Anspruch, Sujet und Alter des Stücks – auf das Phänomen Helene Fischer angespielt. Entweder wurde irgendwann der Slogan „A-tem-los!“ eingeworfen, oder man mokierte sich über den Erfolg dieser Künstlerin / dieses Schlagers. Zuverlässig setzte es dann Beifall – im zweiteren Fall besonders lauten und gleichwohl unaufrichtigen, denn der verhöhnte Erfolg musste ja vorher erst einmal zustandegekommen sein.
Die Meldung vom Beziehungsende der Helene Fischer nach zehn Jahren wurde selbst an den Küsten der seriösen Berichterstattung angespült, und die Feuilletons kamen ins Grübeln. Weniger über Fischers Beziehung zu Florian Silbereisen als vielmehr über die zu ihrem Publikum.
Als sich die beiden frisch getrennten Vollprofis kürzlich  vor der Kamera der ARD-„Schlagerchampions“ wiedersehen mussten, dachte die NZZ darüber nach, welches Problem die Öffentlichkeit mit einem Idol hat, das sie einerseits reich und berühmt machte und dem sie andererseits mit so sprungbereiter Häme und Feindseligkeit begegnet. Der Artikel zitiert typische Fischer-Titulierungen durch die Presse – „Singende Sagrotanflasche“ (Die Zeit), „so lustig wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung“ (SZ), bildet eine Assoziationsachse mit Gauland, Glyphosat und dem Zeitungssterben (taz) – und listet die Gründe („Abstinenzregeln“) dafür auf: Helene Fischer biete keinen Dilettantismus, keine Abgründe, sei ironie- und didaktikfrei.
So einleuchtend diese Ursachen benannt und ausgeführt werden, so klar ist aber auch: die Künstlerin kann im Grunde nichts dafür.
Es sind die Zeiten, in denen wir leben.

Wie wenig der Star-Begriff heute noch mit allgemeiner Wertschätzung zu tun hat, lässt sich schon am Konzept und am eigentlichen Titel des „Dschungelcamps“ ablesen. Auch die Möglichkeit, alle naselang einen „Superstar“ suchen zu können, kündet von Abrieb und Inflation.
Helene Fischer könnte an ihrer Situation (mit der sie bei 28 Millionen brutto im Jahr sicher gut klarkommt) auch dann nichts ändern, wenn sie noch so dilettantisch, abgründig, ironisch und erkenntnislustig wäre.

Bereits bei Dieter Bohlen, der die gleiche Verwirrung der Gefühle früher und intensiver ausgelöst hat, war festzustellen, dass Fragen wie „Beatles oder Stones?“ nur mehr eine Sache von Röhren-Fernsehzuschauern sind. Einstmals hat man vor dem Bildschirm geliebt oder gehasst. Wer z.B. Carrell liebte, schaltete ihn ein. Wer ihn hasste, motzte und ging raus, sobald die Gegenseite die Fernbedienung an sich gerissen hatte. Solche Entertainer hatten Fans. Bohlen, Fischer und Co. hingegen haben Gaffer. Wer sie einschaltet, über ihre Witze lacht oder zu ihren Liedern schunkelt, wäre mindestens ebenso gut unterhalten, würde ein plötzlich herabstürzender Scheinwerfer dem „Idol“ vor aller Augen den Schädel einschlagen. „Geil!“ würde man beim Anblick des letztmalig zuckenden Pop-Titanen allerseits ausrufen, und Sekunden später wäre in den sozialen Netzwerken buchstäblich der Teufel los. Die Begeisterung wäre – und das ist das Bemerkenswerte – nicht in erster Linie aufseiten der Bohlen-Gegner und Ignoranten. Die hätten das Ereignis ohnehin verpasst. Am höchsten würden jene um seine Blutlache herumhopsen, die ihm Sekunden zuvor noch zugejubelt haben.

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