Die Wonnen der Kolportage

betr.: Takis Würger, Autor von „Stella“, zu Gast bei „1Live Stories“

Zuletzt ist wegen des Falls Relotius viel über die Schwelle zwischen Journalismus und süffiger Fiktion nachgedacht worden. In der Tat ist es ein verblüffend breiter Streifen, der diese beiden Welten trennt: die literarische Gattung der Kolportage. Der Begriff geht auf die Kordel zurück, die in den frühen Tagen der Schundliteratur die Bauchläden mobiler Buchhändler waagerecht hielt. Er bezeichnet heute nicht etwa die Gattung des Groschenromans an sich*, sondern jene Fälle, die für sich in Anspruch nehmen, etwas von der Relevanz und Unbestreitbarkeit des gewählten historischen Hintergrundes müsse auf sie abfärben (zumal dann, wenn sie von einem seriösen Verlag herausgebracht werden). Ist das historische Ereignis gar geeignet, uns unangenehm zu berühren – das gilt zuallererst für Nationalsozialismus und Holocaust – könnte es dem Autor so passen, per se als moralische Instanz und als ein posthumer Augenzeuge begriffen zu werden. Soweit das Grundsätzliche.

Nicht nur historische Pornografie kann wehtun, auch ihr Erfolg bereitet mir nagendes Unbehagen. Ein populäres Beispiel aus der Welt des Kinos ist „Schindlers Liste“. Geschaffen von einem Regisseur, der sowohl wegen seines Status als erfolgreicher Hersteller von Feelgood-Movies für die ganze Familie (also für die Kleinen und ihre Begleitung) als auch wegen seines religiösen Backgrounds geschmacklich unverdächtig ist**, wurde dieser Film im Feuilleton sogleich vom Blockbuster in den Klassikerstatus durchgewunken. Eine künstlerische Gegendarstellung wäre etwa der ebenfalls gefeierte, aber kommerziell weniger ergiebige „Der Pianist“ vom ebenfalls jüdischen Regiestar Roman Polanski. Polanski hat den Holocaust tatsächlich überlebt und findet kitschfreiere, wahrlich verstörende Bilder, ihn nachzuerzählen.

Die korrekte Einordnung des Romans „Stella“ beschäftigt zur Zeit die deutsche Öffentlichkeit. Was kann der Autor dazu beitragen? In einem kuscheligen Interview mit Mona Ameziane und Publikumsbeteiligung sagt Takis Würger, nach dem Erfolg von „Der Club“ habe er eigentlich gar keinen weiteren Roman schreiben wollen, bis es ihn bei einem Theaterbesuch fasziniert habe, wie nahe im Musical „Cabaret“ Schönheit und Terror beieinanderlägen. Er tue immer nur, was er für richtig halte. Es mache ihn froh, einen Beitrag zur heutigen Erinnerungskultur geleistet zu haben. Es sei sehr schwierig, einen historischen Roman zu schreiben. Hanser sei „der große literarische Verlag Deutschlands“ … Er sagt noch weitere solcher Artigkeiten. Nach dem Zuspruch durch viele Buchhändler stehe nun aber fest: „Natürlich mache ich weiter!“

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* Zum Begriff „Pulp“ siehe https://blog.montyarnold.de/2014/09/29/ueberflieger-von-ganz-unten-was-ist-pulp/
** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2017/12/03/filmszenen-zum-davonlaufen-1-einfuehrende-worte/

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