Filmszenen zum Davonlaufen (4): Turandot in der Klapsmühle

Eine Serie über ergötzliche Fehlleistungen in beliebten Filmen und Fernsehspielen

In „Das Schweigen der Lämmer“ gibt es eine Stelle, die völlig aus dem Rahmen fällt. So seelenvoll und hintersinnig dieser edle Burgunder des modernen Horrorfilms inszeniert ist, so sehr erweckt er für einen verrutschten Moment im ersten Akt den Eindruck, Regisseur Jonathan Demme hätte die Umsetzung einem Praktikanten überlassen. Oder vielleicht einem Skriptgirl, dessen flüchtige Sympathien er zu erwecken hoffte.
Gegen diese Theorie spricht, dass das Übel bereits im Drehbuch angelegt ist.
Es ereignet sich am Ende unserer ersten Begegnung mit dem in einem Kellergewölbe ganz am Ende eines finsteren Zellenkorridors untergebrachten Kannibalen Dr. Hannibal Lecter. Der Korridor liegt unter einer Irrenanstalt. Jener Dr. Lecter war früher selbst Psychiater und ist nun der Inbegriff des hochgebildeten und kultivierten Psychopathen, außerdem ein Serienmörder (was damals, Anno 1991, im Kino noch eine ziemlich unerhörte Sache war). Sein Darsteller (der zweite, der diese Figur zu spielen hatte) war Anthony Hopkins. Er startete damit in eine fulminante Alterskarriere und durfte in der Folge sogar eine Reihe von ganz unterschiedlichen Rollen spielen. Hopkins wurde also nicht seinerseits zu einem Gefangenen wie etwa sein beinahe-Namensvetter Anthony Perkins, der schon frühzeitig ebenfalls als Filmpsychopath Erfolg hatte und von dieser Rolle nie wieder loskam.*    

Die von Jodie Foster gespielte angehende FBI-Agentin lernt Hannibal Lecter mit uns gemeinsam kennen, nachdem man uns vor diesem ruch- und reuelosen Ausbund an manipulativer Gerissenheit gewarnt hat. Die beiden beschnuppern einander (im doppelten Wortsinne) und führen ein klug ausgedachtes Rededuell, das ihre besondere Beziehung für den Rest des Films definieren wird: ein abgebrühter älterer Akademiker und eine ehrgeizige junge Frau sind einander unvereinbar gegenübergestellt und geloben, sich die Butter nicht vom Brot nehmen zu lassen. Der selbst in Gefangenschaft aufreizend hedonistische Lecter genießt den Druck, unter den er die Ermittlerin von seinem Kerker aus setzen kann. Er benutzt ihre Jugend und Weiblichkeit, um seinen chauvinistischen Erfahrungsschatz auszuspielen. Und sie muss es geschehen lassen, denn sie braucht Informationen und seine Expertise (um einen anderen Psychopathen zu fassen). Es ist ein meisterlicher Dialog.
Doch nachdem Lecter die Unterhaltung mit einer Absage beendet hat, öffnen sich die Schleusen des Dilettantismus. Die Agentin muss nun wieder an den Zellen der anderen Irren vorbei. Einer hat unterdessen onaniert und bewirft die junge Frau mit Sperma. Sie schreit angewidert auf, und der Übeltäter versieht sie mit Schmähworten. Dr. Lecter besinnt sich nun auf seine sittliche Überlegenheit und ruft die völlig verstörte Agentin zurück. Mittlerweile ist ein ziemlicher Lärm in diesem Tunnel ausgebrochen, denn die übrigen Inhaftierten brüllen und klötern mit ihren Blechnäpfen. Der aufbrodelnde Soundtrack tut ein Übriges. „Hören Sie zu!“ ruft Hannibal Lecter sinngemäß. „Ich mag ein verkommenes Stück Mist sein, dem ein Menschenleben nichts bedeutet, aber so geht es ni-hicht! Hören Sie! Hööö-ren Sie! Ich habe noch einen Tipp! Als Entschädigung für das unverschämte Betragen meines Mithäftlings!“ Der von den Höhlenwänden scheppernde Widerhall des Lärmes lässt den überraschend sentimentalen Menschenfresser so laut werden, dass die Stimme seines Synchronsprechers kippt, wenn er eilig von einer Mrs. Moffatt, Mrs. Mooo-fääättt! schwadroniert und der Besucherin noch ein verkitschtes Rätsel aufgibt. Dann scheucht er sie fort.

Jodie Foster entschwindet, um sich zu säubern, um über das miese Timing der Szene zu trauern und einen Ohrenarzt aufzusuchen.
Sie wissen, wie es weitergeht. Danach fängt sich „Das Schweigen der Lämmer“, und der Thriller nimmt seinen Lauf, als wäre nichts geschehen. Für die handelnden Figuren wird sich in den verbleibenden etwa 90 Minuten Grauen auf Grauen häufen. Der Zuseher aber hat das Allerschlimmste bereits hinter sich.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/10/11/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-78-psycho-2/.

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