Das Saarland – Gibt’s sowas?

Es liegt irgendwo da unten, in der Ecke kurz vor der Grenze, aber niemand weiß genau wo. Dieses Bundesland, das immer mitgezählt wird, das einem aber jedesmal nicht einfallen will, wenn Günther Jauch danach fragt.
Doch, doch – es existiert ganz bestimmt. Schließlich wird dort sogar ein „Tatort“ produziert. Aber das könnte auch ein Witz sein oder ein gefälschtes Alibi. Schließlich heißt es ja „fiktionales Fernsehen“. Und die „Winnetou“-Filme wurden ja auch nicht in Amerika gedreht …
Einen Dialekt haben die auch, und der muss echt ziemlich schräg sein. Aber niemand hat ihn je gehört, würde ihn erkennen, könnte ihn zuordnen oder gar nachmachen.
Nicht einmal die Großmeister der mundartlichen Anbiederung – von Peter Frankenfeld (nach dem Kriege) bis hin zu Hape Kerkeling (in der übernächsten TV-Generation) – machte sich die Mühe, ihn einzuüben. Das war vielleicht auch besser so.
Und außerdem: über wen hätten wir da eigentlich gelacht? Um sich über eine Region zu amüsieren, muss man darüber einige Grundkenntnisse oder wenigstens ein paar Vorurteile haben. Aber was wissen wir schon über das Saarland?

Sein wir doch mal ehrlich: Jahrzehntelang haben wir uns vorgemacht – und ein bisschen haben wir es auch gehofft – dass dieses schräge Bundesland vielleicht gar nicht existiert. Oder – noch besser – dass es zu Frankreich gehört. Denen hätten wir’s gegönnt. Oder dass es eine Art Schlumpfhausen ist, ein Ort, den nur findet, wer von einem Schlumpf dorthin geführt wird.
Doch nun heißt es: aufwachen! Es mehren sich die ganz offiziellen Sichtungen von Saarländern auf der bundespolitischen Bühne: zwei Minister und eine Parteivorsitzende sind es inzwischen mindestens. Potzblitz! Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen! Das Saarland existiert, und es ist gekommen, um zu bleiben!

Wie konnte es geschehen, dass wir die Bewohner dieses mysteriösen Geo-Zipfels all die Jahre nicht bemerkt haben? Es sollen ja immerhin um die 800.000 Stück sein. Das hat einem simplen Grund: im Gegensatz zu anderen Völkchen, die sich auf Reisen mit ihrem Dialekt immer ganz besonders dicke tun – „Mia san mia!“, „Ick jlob, ick spinne!“, „Isch möschde nischt!“ – ist der Saarländer / die Saarländerin bestrebt nicht aufzufallen. Auf Fahrten „ins Reich“, wie man die restliche Bundesrepublik dort bis heute nennt, unterdrücken die Eingeborenen ihren Dialekt schamhaft und stellen dann zu ihrer immerwährenden Überraschung fest, dass sie keine Alternative haben. Sie improvisieren die verhasste Hochsprache auf eine so unbeholfene und purzelige Art, dass jemand, der ihnen zuhört, eine leise Irritation verspürt, nickt und schnell weitergeht. So wie man es bei einer aufrecht gehenden Hauskatze im Regenmantel tun würde, die man auf der Straße trifft. Oder bei einem zeitunglesenden Baby mit Vollbart in der U-Bahn.

(…)

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