Die Marvels wie sie wirklich waren: Der unglaubliche Hulk (1)

Kürzlich las ich, wer zwei Geschichten erfindet und diese miteinander verschränkt, der habe bereits universe building betrieben. So leicht war das nicht immer. Ein Pionier dieser Kunst war Stan Lee, mit dessen Marvel Comics sich das Fan-Magazin „Das sagte Nuff“ von 2005 bis 2010 auseinandergesetzt hat.
Ich bedanke mich bei Daniel Wamsler, dem Autor und Macher des Magazins, für die Genehmigung, seine Artikel hier wiedergeben zu dürfen. In unserer Serie mit Superheldenportraits widmen wir uns heute dem Hulk.

Unglaublich aber … Hulk!
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Hulk-1 Williams_FHulk Nr. 1 von Williams. Während das Monster, in das sich Dr. Banner bei Einbruch der Dunkelheit verwandelte, in den USA zunächst grau war, wählte man in Deutschland bereits ab dieser Ausgabe grün. Vielleicht weil es im gleichen Monat noch einen weiteren Auftritt hatte ...

Auf einem Wüstengebiet in den USA findet der Test einer Gammabombe statt. Unter der Leitung von Dr. Bruce Banner, der die Bombe baute, sollen die Sprengkraft und die Auswirkungen der freigesetzten Strahlung für militärische Zwecke erforscht werden. Während der Countdown bereits läuft, bemerkt der Wissenschaftler einen Jugendlichen, der mit seinem Wagen mitten auf das Gelände fährt. Banners Assistent Igor soll den Countdown anhalten, damit er den Jungen aus der Gefahrenzone bringen kann. Doch Igor sieht in Banner einen Feind und nimmt die Gelegenheit wahr, ihn aus dem Weg zu räumen. Zwar gelingt es dem Wissenschaftler, den Jungen, der auf den Namen Rick Jones hört, zu retten, doch er selbst wird von der vollen Strahlungsdosis getroffen. Als es Stunden später dunkel wird, verwandelt sich Banner in ein graues Ungetüm – die Geburtsstunde des Hulk.

Nachts sind alle Katzen grau

Ursprünglich war der tatsächlich grau, aber schon mit der zweiten US-Nummer entschieden sich die Verantwortlichen für ein mehr zur Radioaktivität passendes Grün. Ebenso schien eine Verwandlung von Dr. Banner zum bei Aufregung und Stress plausibler als bei Einbrechen der Dunkelheit. Wohl deshalb bestrahlten Stan Lee und Jack Kirby den grünen Koloss noch mehrmals mit unterschiedlicher Intensität. Eigentlich sollte die zusätzliche Strahlung helfen, den Wissenschaftler zurückzuverwandeln, erzielt wurde jedoch der gegenteilige Effekt. Vermutlich wären die Abenteuer eines Monsters, das nachts einsam durch die Wüste springt für das Zielpublikum auf Dauer nicht besonders interessant gewesen …

Hinzu kam, dass Marvel zu dieser Zeit zu viele Titel auf dem Markt hatte bzw. ein begrenztes Kontingent bei den Zeitschriftenvertrieben. Deshalb wurde die erste Serie des zugunsten anderer Helden nach sechs Ausgaben und einem knappen Jahr Laufzeit eingestellt. Dies war aber nicht das Ende, immerhin war der Hulk eines der Gründungsmitglieder der „ruhmreichen Rächer“ und kämpfte immer wieder gegen das Ding von den „Fantastischen Vier“. Als Stan Lee die Horror- und Science-Fiction-Geschichten aus der Reihe „Tales To Astonish“ verbannte, kämpfte der grüne Gigant gegen „Antman“ (TTA # 59) und sicherte sich dadurch seinen Platz von zehn Seiten ab der Folgeausgabe. Leider waren Hulks Abenteuer von einem ständigen Zeichnerwechsel geprägt. Auch wenn die damalige Créme dé la Créme – Jack Kirby, Steve Ditko, Gil Kane, John Buscema, Marie Severin … – am Werk war, so sah der Hulk doch alle paar Monate etwas anders aus. In Deutschland führte der Bildschriftenverlag ihn zunächst als Zweitstory Helden in der Reihe Hit Comics ein. Schon nach kurzer Zeit gab man den TTA-Storys den Titel „HALK – Mensch – Dämon – Untier“, damit war zumindest das Problem einer eventuell falschen Aussprache gelöst. Dummerweise machte der Verlag bei den im Original monatlich zwischen „Hulk“ und dem „Sub-Mariner“* wechselnden Titelbildern keinen Unterschied, wodurch Namor auf den deutschen Covern ebenfalls unter der Bezeichnung „Halk“ auftrat. Die Veröffentlichungsreihenfolge glich wie bei den meisten „HIT Comics“-Titeln – mit Ausnahme von „Spider-Man“ als die „Die Spinne“ – vor allem in den ersten und letzten Jahren einem heiteren Nummernchaos.

HIT+Dusche

Gewaltig

Erst der Williams Verlag sorgte ab 1974 für einen chronologischen Ablauf. Auch wenn von Hulks erster US-Serie nur vier von sechs Heften, auf fünf deutsche Ausgaben verteilt, erschienen. Im Gegensatz zu den Amerikanern entschied sich die Crew um Remo und Klaus Recht bereits bei der Erstausgabe für einen gesunden grünen Teint. Wohl auch deshalb, weil der Hulk im selben Monat seinen Einstand bei den „ruhmreichen Rächern“ hatte. Wobei angemerkt werden muss, dass bei einem (wenn auch verschwindend geringen) Teil der Auflage bedingt durch vertauschte Druckfilme, im Innenteil auf mehreren Seiten ein roter Hulk zu sehen war. Dies wurde aber offenbar noch rechtzeitig bemerkt, so dass bundesweit bislang nur ein einziges Exemplar bekannt ist. Leider sucht man den Kampf zwischen Hulk und Antman bis heute vergeblich in einer deutschen Edition. Doch zumindest die Folgestorys aus „Tales To Astonish“ erfuhren eine chronologisch korrekte Veröffentlichung. Da diese nur zehn Seiten Gesamtumfang hatten und nur jede zweite Ausgabe ein Hulk-Titelbild, füllten die Verantwortlichen bei Williams ihre Hefte neben bzw. nach den Storys des „X-Team“ mit altem Material aus Marvels Mystery-Reprintserien.

Weil das „X-Team“ (bzw. die „X-Men“) mehr Seiten zur Verfügung hatten als der Hauptheld, entschied man sich dafür, ab „Hulk“ Nr. 26 (TTA # 80) zwei Hulk-Geschichten pro deutsche Ausgabe zu veröffentlichen. Dies löste gleichzeitig das Problem fehlender Titelbilder. Leider stellte Williams die Serie im September 1976 zusammen mit fünf weiteren Marvel-Titeln ein. Da half selbst ein Protest der Fans auf den Leserbriefseiten der verbliebenen Helden nichts.

roter_HulkEine Rarität: der rote Hulk im Sammelband „Marvel Superband Superhelden Nr. 3″, fotografiert von Marc Böthig. Links daneben: Stan Lees Begrüßungs-Editorial für die deutschen Fans.

Hulk_Checkliste DT 1969-1999 als PDF
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2016/10/01/aquarius-prinz-namor-der-held-von-atlantis-die-deutsche-chronologie-von-marvels-sub-mariner/

Forts. folgt

 

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