Der schillernde Schmierant

betr.: 96. Geburtstag von Heinz Drache

Wenn früher der runde Geburtstag eines wichtigen Synchronsprechers in der Presse gewürdigt wurde, fehlte nie der Hinweis, der Kollege betrachte sich ja in erster Linie als Schauspieler. Auch die wirklich großartigen Vertreter fühlten sich notorisch unterschätzt und für das Falsche gelobt, wenn die Sprache auf ihre Leistungen am Mikrofon kam.
Heinz Drache übte diese Tätigkeit nur in ausgewählten Fällen aus, und er war ein ganz besonders guter Synchronschauspieler. Das ist schon daran zu erkennen, dass wir ihm in „Marnie“ unvertrauterweise sogar Sean Connery abgenommen haben. Er sprach für Trevor Howard im Klassiker „Der dritte Mann“ und war – wenn auch nur im Fernsehen – die unübertroffene Traumbesetzung für Charlton Heston, der ungeachtet seines Ruhmes keine feste deutsche Stimme hatte (und häufig eine völlig unpassende). Okay: man konnte ihn auch fehlbesetzen – z.B. als Gene Kelly in „Wer den Wind sät“, den arte morgen abend ausstrahlt.

https://www.arte.tv/de/videos/086680-010-A/wer-den-wind-saet-von-stanley-kramer-ein-film-eine-minute/

Naturgemäß müssen Heinz Draches konservierte schauspielerische Leistungen in „Opas Kino“ – auf der Bühne habe ich ihn nie gesehen – gegen so viel Hollywood-Glamour etwas abrutschen. Die bleiernen Jahre von „Opas Kino“ ermittelte er in Francis-Durbridge- und Edgar-Wallace-Krimis, später in den nicht weniger beknackten Sfb-„Tatorten“.
Es waren aber nicht nur die miesen Verhältnisse, die Heinz Drache ausbremsten, er war schon selber schuld.
Seine freiwillige Gesichtslähmung („Understatement“ nannte man das in der Fernsehzeitung) sollten wir ihm angesichts des gleichzeitigen Erfolges von Lino Ventura und Charles Bronson nicht verübeln. Und dass Heinz Drache immer nur das selbe (sich selbst?) spielte? Das haben viele andere Publikumslieblinge auch getan. Doch während sich über Archetypen wie den ewigen Draufgänger Jean-Paul Belmondo oder das autoritäre Dauer-Ekel Louis de Funès viel erzählen lässt, gab es für das Konzept Heinz Drache keinen vergleichbaren Bedarf. Nur wenige Filme handeln von einem altbackenen, unsagbar eitlen Bühnenschauspieler, der statt „Schwein“ vermutlich „Scha-wein“ sagt, sobald sich seine Stimme hebt. (Seiner Synchronarbeit lauschend – ohne in selbst zu erblicken – käme ich nie auf einen solchen Gedanken!) Sowohl seinen Kommissarfiguren als auch Drache selbst hätte ich jederzeit zugetraut, seitenweise aus dem „Wallenstein“ zu zitieren – oder auf Zuruf auch aus jedem anderen Reclam-Heft. Aber wäre so jemand in der Lage, einen Kriminalfall lösen? Vor allem im Alter war er derartig übermanikürt und herrenausgestattet, dass die Krimi-Spannung nur aus einer einzigen bangen Ahnung bestehen konnte: hoffentlich taucht jetzt kein Gangster mit schmuddeligen Fingern auf, der seinen frisch gebügelten Trenchcoat antatscht.
Dieses Schicksal ist Heinz Drache stets erspart geblieben, soweit ich mich erinnere.

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