Wie man ein Dialogbuch schreibt (9)

Es ist allgemein bekannt, dass man für ein und die selbe Aussage im Deutschen mehr Silben braucht als im Englischen. Der Übersetzer Harry Rowohlt, der ein Dialogbuch verfasste und diesen Job dann als „elende Schinderei“ nicht weiter verfolgen wollte, sprach von „16 bis 34%“ Zuwachs.
Sind die sprechenden Personen im Bild – also nicht im Off (außerhalb des Bildes) oder im Conter (im Bild, aber mit verdeckter Mundpartie) – muss sich der Autor der deutschen Synchronfassung für eine Methode entscheiden, um die hinzukommenden Silben irgendwie einzusparen oder sie leicht versetzt an anderer Stelle unterzubringen.

Die eleganteste Methode ist: man verknappt die Sache sinngemäß, lässt Redundantes weg und nutzt zum Beispiel „äh“s und das im Amerikanischen allgegenwärtige „well“, um stattdessen inhaltlich zu werden.
Leider wird diese Variante häufig zurückgewiesen, weil die Redaktion / Produktion es sich leicht macht und nach der Devise verfährt: alles muss rein!
Dann bleibt dem Autor nichts anderes übrig, als mehr Text in den Dialog zu packen und die Sprecher schneller reden zu lassen. Das ist der Grund, warum deutsch synchronisierte Szenen – vor allem in Sitcoms – oftmals so geschwätzig wirken.

Hier sind ein paar besonders hübsche Beispiele für die unterschiedliche Textmenge des Englischen gegenüber dem Deutschen:

need or not
ob man es braucht oder nicht

if mishandled
wenn man es falsch behandelt / wenn man es nicht richtig macht

try me
stellen Sie mich auf die Probe!

that’ll keep
Das wird dir schon nicht weglaufen.

to think what I taught him
Wenn man bedenkt, was ich ihm alles beigebracht habe!

for old lang syne
Um der (guten) alten Zeiten willen …

the pit yawns for them
Die stehen schon mit einem Bein im Grab.

tit for tat
Wie du mir, so ich dir!

I was sentenced to the chair
Ich wurde zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt.

In Übersetzungen, die nicht lippensynchron gearbeitet sein müssen, macht sich das Phänomen auf andere Weise bemerkbar. In einem Fernseh-Interview wurde der vielfach verfilmte und synchronisierte Dramatiker Tennessee Williams Anfang der 70er Jahre dafür gelobt, dass es in Deutschland keine Spielzeit ohne seine Stücke mehr gäbe. Daraufhin erzählte Williams, Gore Vidal habe ihn darauf angesprochen, dass seine Werke auf deutschen Bühnen fast immer zu lang seien. Williams‘ verblüffender Rat: Man sollte sie ruhig kürzen. „Ich habe erst neulich einer Schauspielerin in New York den Rat gegeben, einen langen Monolog radikal zu streichen. Sie meinte, das könne nur der Dichter tun. Unsinn, habe ich da gesagt, ich habe gar keine Lust dazu! Streichen Sie ganz einfach, wo Sie es für richtig halten!“
Das ist im Synchron leider nicht möglich, und deshalb müssen sich die Sprecher im Atelier etwas beeilen.

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