Peter und Thomas

betr.: 30. Todestag von Thomas Bernhard

Der Herrgott muß a Weaner sein,
dabei gibt’s nix zu lachen,
er hat erfunden d’Liab und ‘n Wein,
und andere schöne Sachen.                                         (Wienerlied, 19. Jahrhundert)

Der Tod, das muss ein Wiener sein.                          (Georg Kreisler, Nachkriegszeit)

Entgegen seiner stets offen zur Schau gestellten Zentralbotschaft, dass er nicht nur die Gegenwart von Menschen unerträglich finde, sondern vor allem die Menschen an sich, wird er heute geliebt und gefeiert. Besonders in Österreich, das er stets zum Zentrum seines Weltekels gemacht hat. Da rundet sich das Bild: große Kultur-Österreicher sind immer auch große Österreich-Hasser. Das ist zumindest seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs so, wenn mich meine eigene biografische Froschperspektive nicht täuscht.

Ich lag auch auf dieser Line, aber zunächst habe ich er nicht bemerkt, bin ich doch mit einer ganz anderen Art von Österreicher aufgewachsen.
Das Phänomen Peter Alexander war eine Säule in der Popkultur der jungen Bundesrepublik, und rückblickend betrachtet war dieser Entertainer der einzige junge Ösi, der keinen Hang zur Nestbeschmutzung hatte. Entsprechend heiß wurde
er von meinen Landsleuten verehrt (die sich ja nicht lange zuvor ganz gerne von einem Österreicher hatten regieren lassen).
Es begann, als ich wohl vier oder fünf Jahre alt war. Da sah ich einen Graf-Bobby-Film im Fernsehen. Wie alle Filme mit Peter Alexander kreiste er so ausschließlich um seinen Star, dass die Kollegen um ihn herum zur amorphen Masse verklumpten. Das gebotene Spektakel war ulkig, Agfacolor-bunt, mit viel Musik, Verwechslungshumor, falschen Tanten und harmlosen Gangstern. Mein kindliches Gemüt erblickte in Peter Alexander einen wirklichen Tausendsassa (der angestaubte Begriff ist mit Bedacht gewählt) und bewunderte ihn. Doch die Irritation folgte auf dem Fuße.

Als die nächste Alexander-Show angekündigt war, freute ich mich wahnsinnig auf ein Wiedersehen mit „Peter dem Großen“ – und war schon nach der Auftrittsnummer angeödet und beschämt. Beschämt, weil ich diesem Gockel auf den Leim gegangen war und die immerwährende Anbiederung nicht länger ertrug, mit der er jede seiner ohnehin penetrant-süßen Posen abermals überzuckerte. Unter dieser Schicht begrub er auch sein komödiantisches und musikalisches Handwerk.
Mir könnte bei meinem zweiten Abend mit Peter Alexander ins Gehege gekommen sein, dass ich zwischendurch ein amerikanisches Musical oder einen Jerry-Lewis-Film gesehen hatte, irgendwas mit richtigen Entertainern, mit einer Bereitschaft zur Anarchie und einem Jazz, der nicht nur nachgemacht war. Vielleicht war ich mit vier- oder fünfeinhalb aber auch einfach zu alt für diese Art von hochprofessioneller Betulichkeit.

Es folgten Jahre der Verwunderung. Einerseits über die brachiale, rührselige Selbstbesoffenheit, mit der sich dieser Bursche wieder und wieder auf den Bildschirm traute, andererseits über die gänzlich kritiklose Dankbarkeit, die ihm dafür zuteil wurde.
Heute denke ich, Peter Alexander wurde als der einzige jüngere Österreicher gefeiert, der die alte Heurigenseligkeit ironiefrei weitertrieb, während sämtlichen seiner von hier aus sichtbaren Landsleuten schlecht wurde, wenn sie auf ihre Heimat blickten. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis mir bewusst wurde, dass gut vorgebrachte miese Laune größeres Vergnügen macht als gemeinsam mit den anderen Millionen immerfort nur umschlungen zu werden. Und das sage ich als ausgesprochener Walzerfreund.

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