Oma 100

betr.: die saarländische Mentalität / Demografischer Wandel

Ich habe gelesen, dass besonders gesunde, robuste Menschen ab einem bestimmten Lebensalter – wohl irgendwann nach 80, 85 –  nicht mehr weiteraltern, sondern in eine Art lebendiges Mumienstadium übergehen. Wie eine eingetrocknete Blüte in einem Herbarium, die noch immer jeden Morgen ihren Kelch öffnet.
Meine Großmutter väterlicherseits war so ein unverwüstliches Exemplar.
In ihren 90ern hatte sie hin und wieder keine Lust mehr. Dann erklärte sie ihren Angehörigen, es gehe mit ihr zuende. Sie legte sie sich ins Bett, setzte ein Gesicht auf, das sie für eine Leichenmiene hielt, und dachte, sie müsse nur stillhalten, dann würde der Herr sie schon zu sich rufen.
Nun war sie aber so stabil, dass der Herr nichts dergleichen tat.
Nach ein paar Tagen wurde ihr langweilig, und sie stand wieder auf. Ihrer Familie erklärte sie dann: „Isch läwe nummo nou!“ („Ich lebe wieder neu!“) und nahm den Alltag wieder auf.
So machte sie das von Zeit zu Zeit, und niemand nahm die Sache sonderlich ernst.

Oma muss 97 gewesen sein, da baute sie tatsächlich ein wenig ab. Die Familie wurde unruhig. Es ist nämlich so: Wenn im Saarland jemand hundert wird, dann wird ein Zelt aufgebaut, es gibt Kaffee und Kuchen, und der Ministerpräsident kommt zu Besuch und hält eine Rede. Und am nächsten Tag ist dann ein Bild in der Zeitung. Dieses schöne Ereignis drohte ins Wasser zu fallen, wenn Oma auf dumme Gedanken käme.
Der eine oder andere Onkel marschierte bei ihr auf und erklärte ihr, wie wichtig es ist, dass sie bis zum Hundertsten durchhält: „Oma, dou muschd hunnad genn!“ Ich glaube nicht, dass sie die lokalpolitische Dimension der Sache erfassen konnte, aber sie wusste: es geht um die „Worschd“. Natürlich hatte Oma längst kein Zeitgefühl mehr – wenn sie überhaupt je eines gehabt hat. Sie fragte meine Mutter, die sich in den letzten Jahren um sie kümmerte, alle paar Monate: „Dauerts noch lang?“ Mutter schüttelte verschmitzt den Kopf, und Oma fügte sich.

Dann kam der große Tag! Ein Zelt wurde aufgebaut, es gab Kaffee und Kuchen, und der Ministerpräsident kam zu Besuch und hielt eine Rede. Oma schleppte sich hinauf in den ersten Stock, damit sie sich ans Fenster stellen und grüßen und winken konnte. Wie die Queen. Oder der Papst. Alle freuten sich! Und am nächsten Tag war ein Bild in der Zeitung.

Ein paar Tage später ist Oma friedlich eingeschlafen. „Die hat nimmeh gemaant“*, hieß es dazu im Kreise der Angehörigen.
__________________
* Sie hat keine Lust mehr gehabt.

Dieser Beitrag wurde unter Buchauszug, Gesellschaft, Kabarett und Comedy, Monty Arnold - Biographisches abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.