Die wiedergefundene Textstelle: „Ozymandias“

Ozymandias

Das Gedicht „Ozymandias“ von Percy Shelley, das die melancholische Aura eines zuschanden gerittenen Herrscherstandbildes im Kaukasus besingt, hat in den letzten Jahren Karriere gemacht. Eine Folge der Serie „Breaking Bad“ ist ihm gewidmet, und auf dem Bonusmaterial der betreffenden DVD wird das Poem in einem Trailer rezitiert. In der Showdown-Sequenz des Films „Watchmen – Die Wächter“ (2009) erscheint die Inschrift des Denkmalsockels im Hintergrund. Und das allgemeine „Frankenstein“-Revival der letzten Jahre hat auch den Dichter Shelley – als Kollegen und Ehemann der Monster-Erfinderin – für die junge Generation zum Thema gemacht. (Die Liste ließe sich mühelos verlängern.)
Ein halbes Dutzend Übersetzungen habe ich in diesem Zusammenhang vorgefunden, manche reimen sich, manche nicht, aber sie missfallen mir alle.

Ich begegnete dem Gedicht (wie so vielen literarischen Anregungen) als Teenager in den Marvel Comics. Ende der 70er Jahre war „Ozymandias“ der Epilog eines Abenteuers der „Ruhmreichen Rächer“ (ohne dass Titel und Autor genannt wurden und ohne dass es mir damals möglich gewesen wäre, eines davon zu recherchieren), das inzwischen seinerseits als Vorgeschichte der „Age Of Ultron“-Saga wiederentdeckt wurde.
Ich war restlos betört von diesen Zeilen, konnte sie in Minutenschnelle auswendig, und als ich endlich durch einen Zufall hinter ihre Identität gekommen war, bestellte ich mir sofort einen zweisprachigen Shelley-Gedichtband. Von der deutschen Fassung meines Lieblingsgedichtes, das ich sofort als erstes aufschlug, war ich so entsetzt, dass ich ein für allemal begriff, wie wichtig und ehrenhaft der Beruf des Übersetzers ist. Geahnt hatte ich es schon verschiedene Male, weil Hartmut Huff auch die den „Ozymandias“ umgebenden Comics so prachtvoll nachgedichtet hatte.

Ozymandias
von Percy Shelley
übersetzt von Hartmut Huff

Ich traf einen Reisenden aus einem alten Land, der sagte:
In der Wüste stehen zwei riesige rumpflose Beine aus Stein.
In der Nähe liegt ein zerschmetterter Kopf halb versunken im Sand.
Seine finsteren Lippen sind von einem kalten Befehl höhnisch verzerrt.

Ihr Bildhauer kannte die Leiden, von denen die leblosen Dinge jetzt künden,
die Hand, die sie verhöhnte, und das Herz.
Und unten auf dem Sockel stehen diese Worte:

„Mein Name ist Ozymandias, König der Könige.*
Blicke auf meine Werke, du Mächtiger, und verzweifle!“
Sonst bleibt nichts. Um den Zerfall der gewaltigen Trümmer
streckt sich weit der Sand in fernste Fernen.

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* Die Übersetzerin meines Buches hat sich nicht entblödet, „king of kings“ mit „Königskönig“ zu übersetzen. Der Rest liest sich entsprechend …

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