Der Selbstaustrickser

betr.: Zum Tode von Stanley Donen

Als vor mehr als 30 Jahren Fred Astaire starb, war es in Nachrufen bereits Usus, vom Tode „eines der letzten großen Stars des alten Hollywood“ zu sprechen. Heute früh wurde diese Formulierung wieder strapaziert, und wir dürfen davon ausgehen, dass diesmal wirklich endgültig Schluss ist. Immerhin war Stanley Donen, der am Donnerstag 94jährig gestorben ist, einer der Jüngsten in Hollywood, als er bei MGM erstmals künstlerische Verantwortung trug. Er führte mit 25 zum ersten Mal Regie und war gerade mal 27, als er mit Fred Astaire drehte. Der wirklich allerletzte Starschauspieler dieser Generation dürfte der heute 102jährige Kirk Douglas sein, mit dem Donen seinen letzten Film gemacht hat.

Stanley Donens Technicolor-Musicals zählen sowohl zu den Glanzleistungen als auch zu den Prototypen des Genres. Das verwundert, wenn man ein Statement kennt, das er in den 90ern dem WDR gab. Zu seiner berühmtesten Musiknummer „Singin‘ In The Rain“ erklärte er: „Niemand singt auf der Straße, es sei denn, er ist verrückt.“ – „Oder sehr glücklich …“ – „Nein, auch dann singt man nicht auf der Straße! Ich habe noch nie jemanden auf der Straße singen gehört. (….) Das ist ein sehr seltsamer Moment, und wenn das schlecht gemacht ist, fängt das Publikum an, mit dem Finger zu zeigen und zu lachen. Der gefährlichste Augenblick ist der Übergang vom Reden zum Singen. Viel leichter ist es, vom Reden zum Tanzen überzugehen. Irgendwie ist das nicht ganz so lächerlich.“ Dann zählte er seine Techniken auf, diesen Augenblick zu überspielen: „In ‚Singin‘ In The Rain‘ fängt er nicht gleich mit dem Text an, sondern summt. Manchmal filme ich die Schauspieler von hinten, damit man die Lippenbewegungen erstmal nicht sieht. Manchmal sprechen sie erst rhythmisch und gehen dann in Gesang über. Manchmal hört man sie singen, während sie die Lippen noch nicht bewegen, aber man sieht das Gesicht …“ – So war es in der für viele Jahre zweitberühmtesten Tanzszene des Kinos: in Fred Astaires Tanz unter der Zimmerdecke in „Royal Wedding“, die Stanley Donen wenige Monate nach „Singin‘ In The Rain“ realisiert hat.
Selbstverständlich hat man weder diesen noch anderen seiner Filmszenen derartige Vorbehalte jemals angemerkt. Illusion war schließlich in jenen Tagen die vornehmste Pflicht des Kinos.

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